Großrazzia mit Schwerpunkt in Emmerich

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Emmerich..  Kurz vor 6 Uhr war für viele Emmericher die Nacht zu Ende. Sie hörten erst einen lauten Knall, der eine Gasexplosion vermuten ließ, und kurz darauf eine Stimme am Megafon: „Verhalten Sie sich ruhig! Folgen Sie den Anweisungen der Polizei!“ Zweimal kam die Durchsage. Was war da los? Das fragten sich die aufgeschreckten Bürger. Wer kurz darauf dann zur Arbeit fuhr, erspähte beispielsweise am Flachsacker mehrere Mannschaftswagen der Polizei.

Die Polizei hatte in diesem Moment die Türen zu einem Wohnhaus am Flachsacker aufgesprengt und ganz offenbar auch zu dem Sauna-Club an der Tackenweide, um sich so Zutritt zu verschaffen. Eine bundesweite, ja sogar internationale Razzia gegen die organisierte Rauschgiftkriminalität führte die Einsatzkräfte auch nach Emmerich. Eine große Spezialeinheit war im Einsatz mit etlichen Polizeifahrzeugen. Auch von Panzerwagen war die Rede.

15 Festnahmen, keine in Emmerich

Die zuständige Polizei und die Staatsanwaltschaft in Münster gaben am Nachmittag Details zu der umfangreichen Aktion bekannt: „Wir ermitteln in diesem Verfahren gegen Angehörige der Rockergruppe Bandidos“, erklärte Oberstaatsanwalt Stefan Lechtape. Zeitgleich wurden 40 Gebäude in NRW, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gestürmt. Emmerich war einer der beiden Schwerpunkt-Einsatzorte, neben dem münsterländischen Rheine, wo eine Hanfplantage in einer Villa entdeckt worden sein soll. Weitere Ziele der Ermittler lagen in Kleve, Magdeburg, Lüneburg, Hasbergen, Selm und Lünen. Gerüchteweise auch in Goch. Objekte in Finnland und den Niederlanden standen ebenso im Fokus der Polizei. Den Bandidos werde „die gewerbsmäßige Herstellung und der internationale Handel mit Rauschgift vorgeworfen. Sie sind international organisiert und professionell vernetzt“, so Lechtape weiter.

Der Einsatz sollte auch dazu dienen, mafiöse Strukturen zu zerschlagen. Die Großrazzia war monatelang vorbereitet worden und unterlag strengster Geheimhaltung. Mehrfach lagen der NRZ Hinweise zu Bandidos in Emmerich vor. Stets beteuerte die Kreis Klever Polizei, dass da nichts dran sei. Wohl aus ermittlungstaktischen Gründen.

Insgesamt wurden 15 Haftbefehle vollstreckt: Acht Angehörige des finnischen Ablegers der Bandidos nahmen die Kriminalisten im Nordosten Skandinaviens fest, sieben Angehörige des Münsterländer Chapters der Bandidos im Alter von 36 bis 51 Jahren dazu in Deutschland.

Die gefundenen verkaufsfertigen Drogen in Form von Marihuana, Kokain und Amphetaminen haben einen Wert von rund 30 000 Euro. Darüber hinaus wurde eine größere Menge Marihuana-Pflanzen in unterschiedlichen Wachstumsphasen sichergestellt. Weiterhin konnten die Ermittler Materialien zur Herstellung von Amphetaminen beschlagnahmen. Auch in Sachsen-Anhalt entdeckten die Beamten abgeerntete Marihuana-Plantagen. Die geernteten Pflanzenteile befanden sich bereits in einer Trocknungsanlage in den Niederlanden.

Nach ersten Schätzungen der Kriminalisten hätten die Beschuldigten mit dem Verkauf der Drogen einen sechsstelligen Eurobetrag erzielen können. Neben den Drogen fanden die Ermittler vier scharfe Schusswaffen samt Munition sowie einen fünfstelligen Bargeldbetrag. Bei den Durchsuchungen in Finnland kamen mehrere scharfe Schusswaffen, eine Handgranate und ein Chapter-Emblem der Bandidos Steinfurt zum Vorschein. Die Beamten stellten zahlreiche Dokumente und Datenträger sicher. Die genaue Analyse der Flüssigkeiten, die in größeren Mengen in Nordrhein-Westfalen gefunden wurden, dauert an.

Hund erschossen

„Mit diesem Einsatz ist uns ein großer Schlag gegen den Vertrieb dieser verbotenen Substanzen gelungen“, äußerte Kriminaloberrat Thomas Marx, Einsatzleiter des Polizeipräsidiums Münster. „Die Ermittlungen in diesem Verfahren werden von Polizei und Justiz länderübergreifend fortgeführt.“

In Emmerich sind nach NRZ-Informationen auch Motorräder sichergestellt worden. Das Privathaus am Flachsacker ist auch der Betreiberfamilie des Bordells zuzuordnen. Hier soll die Polizei auch einen Hund erschossen haben, gab der Schwiegersohn des Betreibers an.