Glück für Ex-Bordellchefin: Haftstrafe auf Bewährung

Hier geht es hinein ins Landgericht in der Klever Schwanenburg.
Hier geht es hinein ins Landgericht in der Klever Schwanenburg.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Die ehemalige Eltener Bordellchefin Marion B. muss nicht ins Gefängnis. Trotz eines Steuer- und Sozialversicherungsschadens über 1,2 Millionen Euro gab es vor dem Landgericht eine Bewährungsstrafe.

Emmerich/Kleve..  Bei der Stadt klingelte am Freitagmittag gegen 12 Uhr die Kasse. 30 000 Euro ließ Rechtsanwalt Klaus Warthuysen praktisch während der Landgerichtsverhandlung gegen die ehemalige Eltener Bordellbesitzerin Marion B. in die Stadtkasse fließen. 220 000 Euro gingen an das Finanzamt in Kleve. Das auf dem Anwaltskonto hinterlegte Geld war die (teilweise) Wiedergutmachung eines Steuerschadens aus den Jahren 2002 bis 2010, die die gebürtige Saarbrückerin mit Wohnsitz in Arnheim schmerzhaft aufbrachte. Mit einer beliehenen Immobilie, Altersrücklagen ihres Ehemannes und einem Kredit.

Dazu verhängte der Vorsitzende Richter Christian Henckel gegen Marion B., die 2011 das Bordell Casa Rossa an der Groenlandstraße an ihren Sohn übergab, eine Bewährungshaftstrafe über zwei Jahre. Plus 330 Tagessätze zu je 20 Euro. Henckel sah die Anschuldigung, zu gering oder gar nicht in die Staats- oder Krankenkasse gezahlt sowie die Bordell-Damen als Schein-Selbstständige beschäftigt zu haben, in 179 Einzelfällen als gegeben an. Rechnete letztlich den immensen Schaden aber eher günstig auf 1,2 Millionen Euro herunter.

Zuvor hatten üppigere 2,588 Millionen Euro im Raum gestanden. Staatsanwalt Hendrick Timmers, der alle argumentativen Trümpfe in der Hand gehalten hatte, hatte folgerichtig dreieinhalb Jahre Freiheitsentzug gefordert. Und empfand das Urteil als zu mild.

Zwei weitere Jahre verhandelt

Vor den Plädoyers im Schöffengerichtssaal der Schwanenburg waren auch noch die Jahre 2009 und 2010, bis dato in einem gesonderten Verfahren anhängig, mit einbezogen worden. 190 000 Euro nicht gezahlte Sozialversicherung an die Techniker-Krankenkasse sowie 127 000 Euro an Steuerschuld kamen zum bisherigen Schaden hinzu.

Anhand von Modellrechnungen (im Schnitt vier bis sechs Prostituierte bei drei bis vier Einsätzen zu je 55 Euro Honorar pro Tag) schätzte die Wirtschaftsstrafkammer letztlich den Gesamtschaden für den erweiterten Zeitraum. Die ausstehende Sozialversicherungsschuld summierte sich auf 620 000 Euro. Rettend für Marion B.: Die Geschädigten machten hier keine Anstalten, das Geld eintreiben zu wollen.

Im Gegensatz zum Finanzamt Kleve und zur Stadt Emmerich. Hier waren letztlich geschätzt rund 618 000 Euro an Steuern nicht abgeführt worden. Der schon bei der zweiten von vier Verhandlungstagen in den Raum gestellte Vorschlag von Richter Henckel, die (teilweise) Wiedergutmachung bei 250 000 Euro anzusetzen, traf nun bei Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf fruchtbaren Boden.

Nicht so das Geständnis von Marion B. Richter Henckel fand es „ziemlich karg“, Staatsanwalt Timmers sogar „formell und nicht von Reue oder Einsicht getragen“. Im 50-minütigen Plädoyer fuhr Timmers arge Geschütze auf. Auch über Prozess-Fakten hinaus: „Prostitution ist weiße Sklaverei, wie Alice Schwarzer in ihrem Buch erklärt.“ Gesetzeslage und Beweisführung zur Sache gaben ihm mit Einschränkungen Recht: „Im Bordell gab es feste Hausregeln und Vorstellungsprozeduren, Zimmer ohne Schlüssel, womit man nicht vermieten konnte. Dazu Übersichtszettel, wer, wann und wo gearbeitet und wieviel eingenommen hat. Die Angeklagte wusste alles. Ihr war klar, das alles nicht rechtens vonstatten ging.“