Flüchtlingsschicksal anno Mai ‘45

Elfriede Mäser (91) erlebte das Kriegsende auf der Flucht.
Elfriede Mäser (91) erlebte das Kriegsende auf der Flucht.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Elfriede Mäser (91) aus Emmerich schildert, wie sie den Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht bzw. den Tag der Befreiung vor 70 Jahren erlebte.

Emmerich..  Elfriede Mäser, Jahrgang 1923, hat den 8. Mai 1945, den Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, fernab ihrer Heimatstadt erlebt. Dieses historische Datum ist für sie verbunden mit Erlebnissen und Eindrücken, die sie nicht vergessen kann. Sie schrieb auf, was sie von jenem 8. Mai vor 70 Jahren alles in Erinnerung behielt.

„Wir Emmericher waren nach dem 7. Oktober 1944 (Anm.: Tag der Zerstörung Emmerichs) nach Sachsen-Anhalt in den Elb-Havel-Winkel evakuiert. Von den aus dem Osten dorthin geflüchteten Frauen mit Kindern wussten wir, was wir zu befürchten hatten, wenn die Russen vorrücken würden.

Unter denen, die zu Fuß auf dem Weg nach Westen waren, befanden sich auch alte Bekannte, z.B. Heinz Wrobel und seine Schwester, die später nach Australien ausgewandert ist. Aber auch Agnes Lange war vorübergehend zu Besuch.

Jedenfalls haben sich die Emmericher in unserem Dorf zusammengetan und sind in Richtung Elbe marschiert. Dort, wo beim letzten Elbhochwasser der Damm gebrochen ist, bei Fischbeck, haben wir den letzten Tag vor Kriegsende verbracht. Die Sonne schien, und wir hatten Durst. Dass wir ihn mit Elbwasser zu stillen versuchten, hat uns allen noch lange leid getan ...

Die vielen Menschen, die alle auf die linke Elbseite wollten, wurden immer mehr. Und tatsächlich kamen ein paar Kähne, die der Drängelei nachgaben und uns aufnahmen. Aber der ‘Ami’ fuhr auf einem Jeep über den Deich und jagte uns zurück. Die großen Kähne mussten die Flüchtlinge wieder aufnehmen und ans rechte Elbufer bringen. Da lagen wir nun unten am Wasser, und die Nacht brach herein. Es war für mich die schrecklichste in meinem langen Leben.

Dann kamen die Russen. Wir lagen im Dreck und schmierten uns auch noch Schmutz ins Gesicht zur Abschreckung. Mein kranker Vater lief mit einer Fußbodenbohle, an der ein weißes Handtuch befestigt war, und rief: ‘Nicht schießen – zivil!’

Gegen Morgen raffte sich Frau Bisseling auf und organisierte ein Pferdefuhrwerk. Da wurden Oma Huyzenfeld und Heidi Kauertz drauf geladen und was die anderen noch so an Habseligkeiten hatten. Und wir zogen zurück in Richtung Kleinwusterwitz. Auf diesem Marsch ist uns jungen Mädels nicht viel passiert. ‘Befreit’ sind wir aber alle, nämlich von Uhren, Ringen und allem, was den ‘Befreiern’ wohl wertvoll erschien. Im Fernsehen werden jetzt viele Erlebnisse von Zeitzeugen geschildert, die sich eigentlich nicht nur wir Alten ansehen sollten.“ Soweit Elfriede Mäser.

Die Eltern von Elfriede Mäser kamen 1946 wieder nach Emmerich. Sie selbst blieb zunächst im Osten, heiratete und kehrte 1955 nach Emmerich zurück. Die 91-Jährige ist seit 31 Jahren Witwe und hat eine Tochter, die in der Schweiz lebt.