Emmericher soll im Wahn seine Nachbarin ermordet haben

In diesem Wohnhaus an der Nierenberger Straße spielte sich die Tragödie im November 2014 ab.
In diesem Wohnhaus an der Nierenberger Straße spielte sich die Tragödie im November 2014 ab.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Den Polizisten, die zuerst am Tatort eintrafen, bot sich ein schreckliches Bild. Am Montag begann der Prozess um eine Bluttat in Emmerich Ende 2014.

Emmerich/Kleve.. Schon im Treppenhaus bot sich den beiden Polizeibeamten, die zuerst am Tatort eintrafen, ein Bild des Grauens. Inmitten mehrerer Blutlachen lag eine schwer verletzte Frau, noch bei Bewusstsein, aber um ihr Leben ringend. Doch der Beamte, der danach in die Wohnung ging, erlebte eine kaum fassbare Steigerung des Schreckens: Im Schlafzimmer entdeckte er die blutüberströmte Leiche einer Mutter, unmittelbar neben ihr, in einem Gitterbett, ihr einjähriger Sohn und, daneben stehend, ein weiterer Sohn (4), der mehrfach sagte: „Mama kaputt.“

Die Aussage des 47 Jahre alten Polizeibeamten gehört zu den bewegenden Momenten in dem Prozess gegen Piotr M., der die Bluttat begangen hat, aber nach Auffassung der Staatsanwaltschaft wegen einer paranoiden Psychose dafür strafrechtlich nicht zu belangen sein wird. Der Prozess, der am Montag in der Klever Schwanenburg begann, ist ein so genanntes Sicherungsverfahren. Es geht darum, den Mann in der Psychiatrie unterzubringen.

Die 4. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Norbert Scheyda bemühte sich, das Geschehen, das sich am 19. November 2014 in einem Mehrfamilienhaus an der Nierenberger Straße abspielte, zu begreifen, auch wenn es sich jedem Verständnis zu entziehen scheint.

Zehn Stichverletzungen

In dem Wahn, „Zeugen zu beseitigen“, so Staatsanwalt Nico Kalb in seiner Antragsschrift (so heißt in solchen Verfahren die Anklage), sei Piotr M. über den Balkon in die Nachbarwohnung gestürmt, habe zuerst Irina F. attackiert und dann mit einem Küchenmesser Olga O. Die Wucht der Stiche lässt erahnen, wie fest der Wahn den 32 Jahre alten Polen im Griff hatte. Kalb erwähnte zehn Stichverletzungen, die tödlichen davon drangen mehr als zehn Zentimeter tief in den Körper des Opfers ein.

Der Angeklagte selbst schien auch während des Prozesses dieser Welt entrückt zu sein. Als die Justizbeamten ihn am Morgen an mehreren Fernsehkameras vorbei auf die Anklagebank führten, trug er eine weiße Schirmmütze und eine Sportsonnenbrille. In den Minuten danach verdeckte er sein Gesicht mit einem Papierblock. Er verfolgte das Geschehen absolut teilnahmslos.

Vor seiner Aussage ließ die Kammer auf Antrag von Verteidigung und Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit ausschließen, in der Hoffnung, dass Piotr M. umfassender aussagen würde. Allerdings entschied sich M., zur Sache keine Angaben zu machen. So wird das Geschehen mit Hilfe von Zeugen aufgeklärt werden müssen.

Polizist trug Kinder zum Nachbarn

Den Anfang machten die Polizeibeamten, die morgens um halb sieben von Nachbarn zum Geschehen gerufen worden waren. Sie schilderten die entsetzliche Szenerie. Der Beamte, der bei der toten Mutter war, schilderte, wie er beide Kinder unter seine Arme packte und aus der Wohnung hinaus zu einem Nachbarn trug, „um sie aus diesem Super-GAU herauszubringen“. Der Witwer und Vater der Kinder saß zum Prozessauftakt dem Täter gegenüber und hörte all diese Sätze, äußerlich gefasst. Er ist als Nebenkläger in dem Verfahren präsent und wird vom Klever Anwalt Dr. Karl Haas vertreten. Auch seine Schwiegermutter, die den Angriff schwer verletzt überlebte, wird nach ihrer Zeugenaussage den Prozess als Nebenklägerin verfolgen. Ein drittes Opfer, ein Bekannter des Täters, den dieser verdächtigte, eine Affäre mit seiner Frau zu haben, und der bei einer Attacke wenige Minuten später Platzwunden und Knochenbrüche davontrug, lässt ebenfalls auf diesem Wege seine Interessen vertreten.

Der Prozess wird Freitag fortgesetzt.