Ein Engel am Ende der Leidenskette

Melina Ziegner (11) mit ihren Eltern Manuela und Siegfried und der bunten Kette. Jede Perle erinnertan das, was sie während ihrer Erkrankung durchgemacht hat.
Melina Ziegner (11) mit ihren Eltern Manuela und Siegfried und der bunten Kette. Jede Perle erinnertan das, was sie während ihrer Erkrankung durchgemacht hat.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die elfjährige Melina Ziegner aus Rees-Haldern hat den Kampf gegen Leukämie aufgenommen. Jetzt darf sie wieder die Schule besuchen. Sogar für eine TV-Sendung stand sie Rede und Antwort

Haldern..  Es ist die Geschichte von einem Mädchen, das alle beeindruckt. Drei Alben, dicke Therapieordner und die acht Meter lange Perlenkette dokumentieren seinen zweijährigen Kampf gegen Leukämie. In der Kinderklinik in Münster ist Melina Ziegner wohl die Patientin mit der längsten Kette, denn für all das, was sie dort mitgemacht hat, an Untersuchungen, Chemotherapien, Piksern und Operationen, an guten und schlechten Tagen, und von denen gab es zahllose, gab es jeweils eine farbige Perle. Melina war kürzlich sogar in der Sendung „W wie Wissen“ zum Thema „Der Preis des Überlebens“ im Fernsehen zu sehen. Als Beispiel dafür, dass Chemotherapien heilen, aber dass auch engmaschige Nachsorgen langfristig nötig sind.

Verdacht bestätigte sich

Melina erinnert sich genau an den Tag im November 2012, als es ihr Knall auf Fall schlecht ging. Was nach einem grippalen Infekt aussah, entwickelte sich zu einer schweren fiebrigen Erkrankung. Kein Antibiotika half, ihr Zustand verschlechterte sich rappide. Die Kinderärztin nahm Blut ab, die Werte waren verheerend. Schon zu diesem Zeitpunkt keimte bei ihr der Verdacht einer Leukämie auf. „Es hätte auch das Pfeiffersche Drüsenfieber sein können“, hoffte Manuela Ziegner, selbst Krankenschwester. „Ich war so wütend auf die Ärztin, habe sie beschimpft, so einen Diagnoseverdacht zu äußern. Schließlich war Melina nie krank, immer quirlig, kerngesund.“

Als Melina am 27. November 2012 eingewiesen wurde und die Ärzte die Diagnose bestätigten, „da brach für mich eine Welt zusammen“, sagt Melina heute. Sie kennt ihre Krankengeschichte ganz genau, nennt die Fachtermini, die Namen der Medikamente, der Chemotherapien, erläutert die Vorteile eines Port und zeigt wie dieser, unter der Haut eingesetzte Verschluss für Infusionen, funktioniert. Port, Infusionsbesteck und Verbandsmaterialien hat die heute Elfjährige mit nach Hause genommen. Sie haben über 24 Monate ihr Leben bestimmt.

In der Uniklinik wurde umgehend mit der Chemotherapie begonnen. Doch nach der fünften Infusion setzte hohes Fieber ein, Melina hatte sich bei einem Baby auf der Station mit dem RSV-Virus angesteckt. „Wir dachten immer, es kann nicht mehr schlimmer kommen und es kam schlimmer“, erinnert sich Vater Siegfried an die vielen Monate in der Klinik. Gemeinsam mit seiner Frau betreuten sie die Tochter rund um die Uhr. „Und während wir um Melinas Leben kämpften, mussten wir uns immer wieder vor den Krankenkassen rechtfertigen, weil wir krankgeschrieben waren. Es raubte uns die wenige Kraft, die wir noch besaßen. Und wertvolle Zeit, die wir nicht an ihrem Krankenbett verbringen konnten.“ Auch Schwester Sabrina tröstete Melina in der schweren Zeit und Bruder Roland war zur Stelle, als es darum ging, sich typisieren zu lassen. „Beide sind 100-prozentige Spender“, war die Familie erleichtert.

Dann auch noch der Blinddarm

Mal war es ein schwerer Pilz, der sich in den Organen ausgebreitet hatte, dann musste Melina akut operiert werden. Der durch Cortison verursachte Blähbauch entpuppte sich als entzündeter Blinddarm. Zwischen den Chemotherapien wurde hoch dosiert Cortison gegeben und das veränderte das bislang liebenswerte Mädchen vollkommen. „Ich habe meine Eltern angeschrien, ihnen die Medikamente ins Gesicht gespuckt und sie feste getreten. Ich wollte das alles nicht mehr“, erzählt Melina. „Wir haben unsere Tochter nicht mehr wiedererkannt. Sie war richtig bösartig“, erinnert sich Manuela Ziegner. Was sie tröstete: Auch die anderen Kinder auf der Station reagierten nach der Therapie so.

Ihre knielangen Haare waren bald ausgefallen, ihr Gesicht schwoll durch das Cortison unförmig an. Fotos aus dieser Zeit versteckt die Realschülerin nicht. Sie sind ein Stück Lebensgeschichte, die sie bereitwillig erzählt, denn sie hat den Blutkrebs besiegt.

Immer neue Komplikationen

Immer wieder standen die Eltern vor Entscheidungen, weil wieder einmal die Leukozyten aus dem Ruder liefen, neue Komplikationen auftraten „So wurde uns ein neues Medikament aus den USA empfohlen - mit einer 50:50 Chance. Wir haben - nach langer Überlegung - zugestimmt. Und im Endeffekt alles richtig gemacht.“

Vater Siegfried hatte die erlösende Idee, die seiner Tochter neuen Lebensmut gab. Es war Knut, der langersehnte Hund, der die junge Dame erwartete, als sie endlich im Dezember nach Hause durfte. Aber noch einer wartete, der Nachbarjunge Oliver Köster. Sein Geschenk, ein kleiner Schutzengel, hängt hinter der letzten Perle an der Kette. Er war immer da, wenn Melina ihn brauchte, nahm jedes Desinfektionsprozedere auf sich und wartete geduldig, bis wieder einmal ein Wutanfall abgeklungen und Melina ansprechbar war. „Als Melina wieder zuhause war, hörte ich ein fremdes Geräusch, wie ein Gegacker“, erinnert sich ihre Mutter. „Ich öffnete vorsichtig die Zimmertür. Oliver und Melina lachten. Ihr erstes Lachen seit zwei Jahren.“

Auf dem Halderner Weihnachtsmarkt hatte Melina eine Sammelaktion gestartet. Für all’ die Kinder, die auf der Station 17 der Uni- Kinderklinik ebenfalls auf ihre Heilung warten. Von Spendengeldern werden Malutensilien und viele schöne Dinge erworben, die den Alltag der Kinder aufhellen können.