Der weiße Teller wird poliert

Anette Brüderle vor ihrem denkmalgeschützten Haus „de witte Telder“ auf der Steinstraße in Emmerich, das derzeit entkernt wird und später saniert werden soll. Auf dem Nachbargrundstück links im Bild errichtet die Gasthausstiftung seniorengerechte Wohnungen.
Anette Brüderle vor ihrem denkmalgeschützten Haus „de witte Telder“ auf der Steinstraße in Emmerich, das derzeit entkernt wird und später saniert werden soll. Auf dem Nachbargrundstück links im Bild errichtet die Gasthausstiftung seniorengerechte Wohnungen.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Anette Brüderle lässt ihr denkmalgeschütztes Giebelhaus auf der Steinstraße sanieren. Doch zunächst einmal wird das Gebäude gesichert und behutsam entkernt. Nutzung offen.

Emmerich..  Andreas Minten kam frisch weg von der Baustelle mit einer zerknüllten und vergilbten NRZ vom 21. März 1969 in die Lokalredaktion. „Die haben wir bei der Abnahme der Deckenverkleidung gefunden. Damit wurde wohl ein Loch gestopft“, vermutete der Mitarbeiter der Bauunternehmung Brouwer. Die Arbeiter stöberten weitere alte Schätzchen auf. Die Schublade einer Registrierkasse etwa, ein Döschen mit D-Mark-Münzen und im Keller Bilderrahmen. „Die sind wie Staub zusammengefallen, wir konnten sie nur noch zusammenfegen“, so Minten.

Ja, in dem Giebelhaus auf der Steinstraße 15 hat sich in den vergangenen 373 Jahren so einiges abgespielt. Die Hausbezeichnung „In den witten Telder“ oder „de witte Telder“ bedeutet so viel wie „Zum weißen Teller“, was ursprünglich auf einen Keramik- oder Porzellanhandel schließen lässt. Das Erdgeschoss des Vorhauses wurde also vermutlich von Anfang an gewerblich genutzt: Schuhmacher, Eisenhändler, zuletzt beherbergte das Kaufmannshaus die Galerie von Hein Driessen. Doch die letzten nahezu 20 Jahre war das Haus verwaist, was ihm und dem Umfeld nicht gut tat.

Einsturzgefahr

Doch nun, da das Nachbarhaus abgerissen ist und ein Neubau mit seniorengerechten Wohnungen entsteht, hat auch Eigentümerin Anette Brüderle Nägel mit Köpfen gemacht – zur Freude der Denkmalbehörde. Die hat ein Interesse daran, dass der längsrechteckige Backsteinbau mit seiner schmucken Fassade, eines der wenigen erhaltenen Giebelhäuser Emmerichs, nicht verfällt.

Das will auch Anette Brüderle nicht. Sie beauftragte einen Gutachter, der sogleich Schäden an tragenden Holzbauteilen feststellte. Allein die Sanierung tragender Teile kostet einige 10 000 Euro, ist aber unumgänglich, weil die Holzbalken voll pflanzlicher Sporen sitzen und sich auch der Holzwurm eingenistet hat. „Das ganze Haus ist baufällig“, konstatiert Anette Brüderle: „Keiner weiß, wann die Balken ihren letzten Atemzug tun, deshalb soll da auch keiner mehr rein.“ Die altersschwacken Balken wurden einstweilen abgestützt, damit erst einmal nichts passieren kann.

Ein Architekt nahm das marode Gemäuer dann einmal genauer unter die Lupe und listete auf, was gemacht werden muss. „Alles, was kaputt ist, kommt raus“, bringt Brüderle es auf den Punkt. So wird der Putz auf den tragenden Holzbalken abgeschlagen, für den auch Schilfmatten verwendet wurden. Ziel ist, die tragenden Holzbalken freizulegen, um sie näher untersuchen zu können. Später kann dann der Schreiner anrücken.

Abgerissen werden Wandfliesen in Bädern und Küchen, Sanitäranlagen sowie statisch nicht relevante, Trennwände. Dagegen erhalten bleiben im alten Badezimmer die bemalten Fußbodenkacheln.

Mit viel Elan stürzt sich die 66-Jährige in ihr Projekt. Wie eine spätere Nutzung aussehen kann, das hängt von den Ergebnissen der weiteren Entkernung ab, bei der Brüderle nach eigener Aussage gut mit der Unteren Denkmalbehörde zusammenarbeitet. Das sei überhaupt kein Problem. „Natürlich gibt es Auflagen, aber man kann Kosten auch abschreiben, bekommt Hilfe und auch kleinere Zuschüsse.“

PS: In diesem Haus wurde am 25. Oktober 1898 auch der Prälat, Diasporapfarrer und Volksschriftsteller Johannes Derksen (gest. 1973) geboren. Über seine Jugendzeit am Niederrhein hat er ein Buch verfasst: „Hannes, brüll nicht so“. Darin schreibt er auch von der Kammer, in die eingesperrt wurde, wenn er mal wieder nicht artig war. Den Verschlag gibt es heute noch.