Der „Schwatte“ fand in Rees eine neue Heimat

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Rees..  In Rees wurde er der „Schwatte von Keim“ genannt, in der Kriegsgefangenschaft Sepp „getauft“, denn Josefs gab es im Lager mehr als genug. Doch aus Bayern, wie heute viele noch glauben, stammt Josef Seifert nicht. Vielmehr denkt er in diesen Tagen, wenn vom Schicksal der Flüchtlinge berichtet wird, oft an seine ersten Jahre in Rees als Heimatvertriebener. Wie er es geschafft hat, ein echter Reeser zu werden, kann nur als Vorbild dienen.

Josef Seifert stammt aus einem Dorf im damaligen Sudetenland, aus Fleyh im Böhmischen Erzgebirge, nicht weit entfernt von der sächsischen Grenze. Noch als Lehrjunge wurde er Soldat und am 11. September 1944 schwer verwundet, kurz vor meinem 17. Geburtstag. „An diesem Tag erhielt ich im Lazarett eine Extraportion Milchsuppe“, erinnert er an den Kommentar des Sanitäters, „für unser Küken“, denn Josef Seifert war der Jüngste in us-amerikanischer Gefangenschaft. Er wurde ins Lazarett nach Algerien, später mit dem Krankentransportschiff in die USA gebracht.

In der Gefangenschaft lernte er Hans Keim aus Rees kennen. Und eine enge Freundschaft begann. Als sich ihre Wege in England trennten, da Hans Keim früher aus der Gefangenschaft entlassen wurde, tröstete dieser seinen Freund: „Wenn du entlassen wirst und nicht weißt wohin, dann komm zu uns nach Rees an den Rhein.“

Tatsächlich, Josef Seifert hatte zunächst keinerlei Kontakt zu seiner Familie herstellen können, Briefe blieben unbeantwortet. Keiner von ihnen war angekommen, wie er später erfuhr. Erst durch den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes konnte er Kontakt zu einer Tante in Leipzig aufnehmen, von der er erfuhr, dass seine Eltern aus dem Haus vertrieben worden waren, aber in verschiedenen Unterkünften in der Gegend untergekommen waren. Doch die Tante hatte ihm geraten, erst einmal nicht zurückzukommen.

Kurz vor Weihnachten 1947 wurde Sepp Seifert aus der Gefangenschaft in England entlassen. „An der Grenze in Bentheim erhielten wir zur Begrüßung einen Apfel und drei Plätzchen. Nie im Leben habe ich mich so geschämt. Die Menschen im Lager waren vollkommen ausgemergelt und uns hatte man in England bestens versorgt. „’Charming boys’ hatte sie uns freundlich getauft“, erinnert sich Seifert. „Es war furchtbar, wie schlecht es dagegen Gefangenen aus Russland ging.“

Im Munsterlager, dem Entlassungslager in der Lüneburger Heide, verbrachte er den Heiligen Abend. „Es war der traurigste in meinem Leben!“ Endlich in Freiheit, doch ganz auf sich allein gestellt. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weg nach Rees zu machen. „Ich habe mich bislang als Jüngster durchgeschlagen, das wird mir jetzt auch gelingen“, so hatte er sich Mut gemacht.

Der Zug brachte ihn nach Empel, von hier aus ging es mit Bello, der Kleinbahn, die in seinem späteren Leben noch eine große Rolle spielen sollte, in Richtung Rees. „Als wir über den Melatenweg fuhren, war noch alles gut. Doch als wir die Weseler Straße querten, sah ich nur noch Wasser. Wie an der Nordsee.“ Der Rhein hatte Hochwasser. Was ihn aber über alle Maßen schockierte, war die Stadt. Die lag in Trümmern. „Wo leben hier denn Menschen?“ hatte sich Josef Seifert gefragt und wäre am liebsten mit dem nächsten Zug wieder umgekehrt.

Denn, das war der zweite Schock während seiner Fahrt mit der Tram, er verstand die Sprache der Menschen nicht. Sie sprachen Rääße Platt. Doch er fand das Haus Keim am Bär 1 und wurde von den Eltern von Hans als sechstes Kind aufgenommen. Sogar seine Lehre durfte er bei Schreiner Keim abschließen. „Damit ich in Rees Kontakt bekomme, hatte mir Mia Keim angeboten, für den Gesellenverein zu kassieren, so lernten mich die Leute kennen.“

Und da Sepp ein fröhlicher junger Mann war, hatte er viele Freunde. Nur wenn er beim Tanz ein hübsches Mädel ergatterte, wurde es für den „Fremden“ brenzlig. „Da wäre ich fast verprügelt worden.“

Bald schon lernte er seine spätere Frau Irmgard kennen und lieben. Weihnachten 1948 war er „glücklich wie ein Schneekönig“, denn Familie Keim hatte ihm eine wunderschöne Hose und Frau Schepers, die am Kirchplatz ein Kolonialwarengeschäft führte, ein Hemd geschenkt. Schwere Stunden waren dem vorangegangen. Ein Brief des Vaters hatte ihn erschüttert. „Bleib, wo du bist, komm auf keinen Fall nach Hause!“ Damals wusste er nicht, dass der Vater ihm das Leben gerettet hat, denn jeder, der versuchte, „schwarz“ über Sachsen in die Tschechei zu kommen, wurde an der Grenze erschossen.

Das erste Telefonat mit seiner Mutter

Selbst als sein Vater 1957 verstarb, gab es für Sepp Seifert kein Visum in die Tschechei. „Über ein Reisebüro erfuhr ich, dass es eine Studienreise nach Pilsen gibt. Daran nahm ich im Jahr 1958 teil.“ Einem freundlichen Portier im Hotel, der gut Deutsch sprach, erzählte er von seinem Wunsch, wenigstens einmal mit der Mutter telefonieren zu können.

Der Portier vermittelte über das Postamt im Dorf ein Gespräch. „Zum ersten Mal seit ich Soldat wurde, hörte ich die Stimme meiner Mutter wieder! Da hielt mich nichts mehr. Ich bin in den nächsten Bus gestiegen und kam am nächsten Morgen in meiner Heimat an. Alles ist gutgegangen, ich wurde nicht erwischt.“

Das Dorf hatte einer Talsperre weichen müssen. Aber seit die Grenzen wieder geöffnet sind, reist Sepp Seifert jedes Jahr in seine ehemalige Heimat. Einer seiner Kinder oder Enkel begleiten ihn dabei.

In Rees begann er nach seiner Schreiner-Ausbildung bei der Kleinbahn. Als die Straßenbahn-Ära endete, schulte er zum Busfahrer um. Als Mitglied der Kolpingsfamilie, aktiver Kanute und beliebter Mitarbeiter der Kleinbahn war er bald Reeser aus Leib und Seele geworden. Nur eines hat ihn verletzt. „Als ich bei einer heimatkundlichen Diskussion mitredete, meinte jemand, und da wohnte ich bereits fünfzig Jahre in Rees: ‘Das kannst du nicht wissen, du bist ja kein Reeser.’“

Dennoch hat und kann Integration gelingen. Das weiß Seifert aus eigener Erfahrung. „Ein Nachbarhaus wurde an eine türkische Familie verkauft. Und da machte sich so mancher Gedanken, wie es wohl werden wird. Wir haben das Ehepaar eingeladen, die Familie nahm an den Treffen der Nachbarschaft teil und hat sich bestens integriert. Ebenso wie eine Nachbarin, die tamilischer Abstammung ist. Man muss nur auf die Leute zugehen und ihnen den Weg bereiten“, schildert er seine Erfahrungen. „Wer Kontakt sucht, der bekommt ihn auch“, weiß Sepp Seifert.