Der Engel von Attat

Attat/Emmerich..  Eigentlich ist sie längst im Ruhestand. Doch auch mit 80 Jahren denkt Inge Jansen nicht ans Aufhören: „Mir gefällt es immer noch, ich möchte mein Leben da beenden. Afrika ist meine zweite Heimat geworden.“ Afrika, dieser geschundene Kontinent, ist von vielen längst aufgegeben worden. Schwester Inge Jansen hat nie aufgegeben. Sie hat immer weiter gemacht. Sie hat Krankheiten, Unwissenheit und Armut bekämpft. Sie hat sich über Fortschritt freuen dürfen und musste Rückschläge einstecken. Ihr Gottvertrauen und ihre Begeisterung hat sie nie verloren. Dass sie einmal in einem Krankenhaus in Äthiopien landen würde, wurde Inge Jansen nicht in die Wiege gelegt.

Ausgebildete Krankenschwester

Geboren wurde Inge Jansen 1935 in Emmerich als zweites von sechs Kindern. Im elterlichen Fahrrad- und Nähmaschinengeschäft auf der Kaßstraße machte sie eine Kaufmannslehre. Eines Tages besuchten zwei Missionsärztliche Schwestern aus den Niederlanden die katholische Pfarrgemeinde St. Aldegundis in Emmerich und hielten einen Vortrag: „Da hat es bei mir sofort gefunkt, und ich habe gedacht, so was mache ich auch“, kann sich Inge Jansen noch gut an diesen Moment erinnern. Doch so einfach war das nicht. Der Vater bestand nämlich darauf, dass sie diesen Schritt erst dann machen dürfe, wenn sie mit 21 Jahren volljährig geworden sei.

Im Januar 1957 verließ sie Deutschland, ohne ein Wort Englisch sprechen zu können, und trat in England der Ordensgemeinschaft bei, weil es damals in Deutschland noch keine Niederlassung des vor 90 Jahren gegründeten katholischen Ordens gab. Sie lernte Englisch und Bridge, legte im Februar 1960 ihr erstes Gelübde ab, baute in Essen die erste deutsche Niederlassung der Missionsärztlichen Schwestern auf und ließ sich zur Krankenschwester ausbilden.

Im Januar 1968 betrat sie erstmals afrikanischen Boden. In Uganda erwarb sie das nötige Know-How. Ihre Stunde der Bewährung schlug dann in Attat in Äthiopien, wo sie mit drei weiteren Schwestern ein leer stehendes Schulgebäude in eine Gesundheitsstation umwandelte: „Ich war die erste, die Gründungsschwester, und bin da geblieben.“ Von den Heimatbesuchen in Emmerich einmal abgesehen, wo sie auch über die aktuelle Situation in Attat informiert. Ihre Vorträge stoßen stets auf offene Ohren und Sympathie und finden zahlreiche Spender. Früher unterstützten die vor allem den Bau von Brunnen, heute neue Projekte wie die Ambulanz, den neuen OP-Saal oder neue Entbindungsräume. Ohne Spenden aus der Heimat geht es noch nicht; auch Misereor hilft. Der kleine Obolus, den die nicht krankenversicherten Patienten leisten müssen, reicht nicht aus. Der Staat bezahlt allenfalls Impfungen, Tuberkulose- und Aidsbehandlungen.

Schwester Inge leitet die Buchhaltung des Hospitals, ein Dauerspagat zwischen Barmherzigkeit und Wirtschaftlichkeit. Die Finanzchefin achtet darauf, dass auch die Patienten zur Behandlung etwas beitragen, „ich muss ja auch betteln“, schmunzelt die energische Ordensfrau. Das mit dem Eigenanteil ist nicht immer so einfach. Das Volk der Gurage gilt als geizig, als die Schotten Äthiopiens. Ein Schlitzohr versuchte mal, Schwester Inges Gutmütigkeit auszunutzen. Der alte Mann wollte operiert werden. Er fiel nach vielem Feilschen auf die Knie und versuchte Füße küssend Schwester Inges Herz zu erweichen. Der Mann kam jeden Tag wieder, bis es ihr zu bunt wurde und sie drohte, ihn vor die Tür zu setzen. Schicksalsergeben zog der alte Mann daraufhin ein dickes Bündel Geld aus der Tasche, zählte Schwester Inge die Scheine in die Hand und ging nach der OP geheilt von dannen.

Keiner soll weggeschickt werden

Es hat sich viel zum Positiven verändert in Äthiopien und in Attat. Bei Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und Aufklärung konnten Fortschritte erzielt werden, aber die Not ist unverändert groß, die Krankenhäuser sind weit entfernt und teurer. Eine Operation kostet in Attat um die 50 Euro, eine Entbindung drei Euro: „Viel für arme Leute“, weiß Schwester Inge. Und dennoch nehmen Menschen Fußmärsche über viele Kilometer auf sich, um zur Klinik zu gelangen. Die Devise lautet: „Keiner soll ohne Behandlung weggeschickt werden.“ Die Menschen vertrauen den Ärzten um Chefärztin Dr. Rita Schiffer und den Krankenschwestern. Die medizinische Grundversorgung der Einheimischen sicherzustellen ist für das Team auch ein Weg, mit der Ungerechtigkeit in der Welt umzugehen. Einen hohen Stellenwert hat inzwischen auch die praktische Hilfe der Schwestern in den Dörfern. Die einheimischen Frauen werden unterwiesen in Hygiene, Ernährung, Familienplanung und Hauswirtschaft.

Das der katholischen Kirche Äthiopiens gehörende Krankenhaus in Attat zählt inzwischen 200 Mitarbeiter. Das Einzugsgebiet wird auf 1 Million Menschen in einem Umkreis von 100 Kilometern geschätzt. Das Krankenhaus verfügt insgesamt über rund 110 Betten. Annähernd 2000 Babys werden dort pro Jahr entbunden. Täglich kommen 280 bis 300 Patienten. „Die Ambulanz ist jeden Tag überlaufen“, erzählt Schwester Inge. Häufigste Diagnosen sind Atemwegserkrankungen infolge der täglichen, starken Temperaturschwankungen zwischen vier und 40 Grad, Malaria, Verdauungsprobleme, Blasen- und Nierenbeschwerden, Krebs und Aids. Neuerdings werden auch immer mehr Unfallopfer eingewiesen: „Es gibt immer mehr Autos und Straßen. Darauf sind die Leute nicht vorbereitet“, berichtet Schwester Inge.

Ob sie müde geworden sei nach so langen Wirkens unter der unerbittlichen Sonne Afrikas? „Von mir kann ich das nicht behaupten. Ich bin jeden Tag voll dabei, Äthiopien ist mein zweites Zuhause geworden.“