Chlortransporte in Emmerich: „Brisanz wird unterschätzt“

Sohni Wernicke (v.l.), Frank Jöris und Marita Weit glauben, dass vielen die Brisanz von Chlortransporten über die Bahn gar nicht klar ist.
Sohni Wernicke (v.l.), Frank Jöris und Marita Weit glauben, dass vielen die Brisanz von Chlortransporten über die Bahn gar nicht klar ist.
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Was wir bereits wissen
Bürgerinitiative Rettet den Eltenberg sorgt sich um die Sicherheit an der Betuwe-Route. Stadtbrandmeister nimmt’s gelassener: „Keine neue große Gefahr.“

Emmerich..  Da „bellen“ die Alarmglocken. Sagt Frank Jöris in seinem charmanten Deutsch-Holländisch. Gemeint sind die Chlortransporte, die, wie berichtet, seit Mitte März über die Schienen durch Emmerich rollen. Die Bürgerinitiative (BI) Rettet den Eltenberg ist besorgt. „Die Brisanz wird unterschätzt“, sagt auch Marita Weit.

Was man bei Kontakt tun kann

Zunächst einmal widerspricht Bergretter Jöris dem Bürgermeister. Johannes Diks hatte im Rat gesagt, die Bahnlinie sei eine Gefahrgutstrecke. „Es ist eine Mischstrecke!“ betont der Niederländer aus Elten. Die Kommunen entlang der Betuwe, so befürchtet die BI, seien für den Notfall kaum gewappnet. „Das ist kein Schwimmbadwasser“, sagt Jöris. „Das sind hochgefährliche Chemikalien“, ergänzt „Sohni“ Wernicke. Im Ersten Weltkrieg wurden 90 000 Soldaten durch Chlor als Giftgas getötet.

Nach Angaben der BI wird das Chlor unter Druck in die Kessel gepumpt, wo es sich verflüssigt. Gerät es an die Luft, könne es tödlich wirken. In Verbindung mit Wasser könne ein hochätzende Säure entstehen. In einem Notfall wäre das Areal 600 Meter beidseitig der Trasse betroffen. Je nach Windlage noch weiter. „Dann wäre der ganze Eltener Ortskern von der Chlorgaswolke bedroht“, so Wernicke.

Klar, räumt Stadtbrandmeister Martin Bettray ein, „ein Chlorgasunfall ist kein angenehmer Einsatz“. Dennoch sei die Feuerwehr gewappnet. „Mit Wasser kann man das Chlorgas binden. Diese Chemikalie ist nicht gefährlicher als andere Chemikalien, die hier bereits mit der Bahn oder auf der Straße transportiert wurden“, so Bettray. Auch wenn es keine Gefahrgutstrecke sei, so sei die Betuwe dennoch für Transporte dieser Art geeignet. „Es ist gibt keine neue große Gefahr“, meint der Stadtbrandmeister. Das Wasser, das über eine Chlorgaswolke gesprüht werden müsste, könnte aus den hiesigen Gewässern gezogen werden, so Bettray.

Was ist zu tun, wenn man mit Chlorgas in Kontakt kommt? Wer mit dem Stoff in Berührung kommt oder Dämpfe einatmet, muss sofort medizinisch behandelt werden. Die Mediziner benötigen alle verfügbaren Stoffinformationen. Gelangt der Stoff in die Augen, mindestens 15 Minuten mit Wasser spülen. Kontaminierte Kleidung sofort entfernen und betroffene Haut mit viel Wasser spülen. Mund-zu-Mund-Beatmung vermeiden. Beatmungsgeräte anwenden. Erfrorene Körperteile vorsichtig mit kaltem Wasser auftauen.

In den Niederlanden werden entlang der Strecke alle 1000 Meter 5000 Liter Wasser gespeichert. Ohnehin blickt die BI fast neidisch in die Niederlande, wo es strenge Sicherheitsauflagen („Chlor-Regime“) gebe. „Dort dürfen solche Transporte nicht durch Wohngebiete geführt werden, keine Umwege nutzen, nur nachts fahren, die Züge dürfen nicht anhalten, nicht rangieren und nicht schneller als 60 km/H fahren. Davor und dahinter fahren keine anderen Züge“, berichtet Jöris. Außerdem führt die Aufsicht des Umweltministeriums strenge Kontrollen durch. Ähnlich sieht’s in der Schweiz aus.

Die NRZ hat DB Schenker einen Fragenkatalog zum Thema zukommen lassen. Über die Antworten werden wir berichten.

Die Bürgerinitiative bedauert in einem offenen Brief an die Ratsmitglieder, dass kürzlich eine Resolution zum Sicherheitskonzept der Feuerwehren entlang der Betuwe abgelehnt wurde (Tenor im Rat: Es gibt schon einen gemeinsamen Beschluss). Man hätte „den überörtlichen Entscheidungsträgern bei Bahn und in der großen Politik ein deutliches Signal der Geschlossenheit in dieser für uns alle lebenswichtigen Frage“ senden können. Die BI fordert den Rat auf, die Entscheidung zu überdenken.

Die Sachlage habe sich aus Sicht der BI durch die Chlortransporte verändert. Die beschlossene Stellungnahme der Stadt Emmerich zum dreigleisigen Ausbau (Verfahren Praest) werde dem nicht mehr gerecht.