Bordell-Besitzerin soll 2,58 Millionen Euro Schaden verursacht haben

Die Angeklagte Marion B. mit ihren Verteidigern Rechtsanwalt Philipp Hammes (links) und Rechtsanwalt Klaus Warthuysen (r).
Die Angeklagte Marion B. mit ihren Verteidigern Rechtsanwalt Philipp Hammes (links) und Rechtsanwalt Klaus Warthuysen (r).
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Im Landgericht Kleve begann die Hauptverhandlung gegen eine ehemalige Bordell-Chefin aus Elten. Sie soll Steuern und Sozialabgaben hinterzogen haben.

Elten/Kleve.. Marion B. muss sich spätestens seit Dienstagmorgen, 9 Uhr, vorwiegend fest die Daumen drücken. Genau 2,588 Millionen Euro an Schaden hat die gebürtige Saarbrückerin mit niederländischem Pass dem Staat mutmaßlich zugefügt. Die einstige Besitzerin des Casa-Rossa-Bordells an der Groenlandstraße in Elten, so erläuterte es jedenfalls Staatsanwalt Timmer im Schwurgerichtssaal des Klever Landgerichts, habe zwischen Mai 2002 und Dezember 2008 Sozialabgaben sowie Lohn-, Umsatz-, Gewerbe- und Einkommenssteuer nicht richtig angegeben. Oder gar nicht erst abgeführt.

Dazu ist für die Jahre 2009 und 2010 ein weiteres Verfahren anhängig, allerdings noch nicht eröffnet. Die außergerichtlich vor Wochen in den Raum gestellten rund 250 000 Euro (nebst einer Bewährungsstrafe) kann Marion B. derzeit nicht aufbringen. Keine Frage also, dass der Vorsitzende Richter Christian Henckel bei Eröffnung des Hauptverfahrens erst einmal keine Basis für eine schnelle Einigung sah. Obwohl das Wesel-Düsseldorfer Verteidiger-Duo mit Philipp Hammes und Klaus Warthuysen darauf gehofft hatte.

Friseurin wechselt das Geschäft

Marion B., die im Alter von 22 Jahren einen niederländischen Autohändler geheiratet hatte, seit langem in Doetinchem lebt, dazu 1980 in Arnheim eine Immobilie erworben hat, arbeitete zunächst als Friseurin. Erwarb dann im Jahre 2002 eine Eltener Immobilie. Probierte dort unter dem Namen „Club Casa Rossa“ an der Groenlandstraße ein Bordell aus. Was offenbar nicht schlecht lief. Junge und auch ältere Damen gingen ihren Geschäften auf Zimmern nach. Und besserten so die Privatkasse auf.

50 Euro für eine halbe Stunde, 100 Euro für volle 60 Minuten waren jahrelanger Kurs. In der Regel wurde 50:50 zwischen Marion B. und ihren Damen geteilt. Auch flossen, wie eine albanische Zeugin gestern angab, 30 Euro pro Tag in eine „Miete“. Es gab einen Escort-Service für Kunden, die in den eigenen vier Wänden ihrer Lust frönen wollten. Auch ein Extra-Zimmer für härtere Wünsche gab es, denen eine Niederländerin nachkam.

Alles wurde von den Kunden, die auch aus dem Nachbarland kamen, mit Bargeld beglichen. Es gab Zettel-Dienstpläne, so sagte eine ehemalige Mitarbeiterin des Casa Rossa aus, in der Name, Zeit, Zimmer und Einnahme festgehalten wurden. Um hinterher korrekt ausbezahlen zu können.

„Ich selber habe in den Zimmern nie gearbeitet“, gab die mittlerweile 64-jährige Marion B. zu Protokoll. Damals schon sei sie gesundheitlich angeschlagen gewesen. Mittlerweile machen Diabetes, eine schwere Arthrose in den Knochen sowie Herzbeschwerden das Leben mühsam.

Der Vorsitzende Richter Henckel ließ gerade aufgrund der enormen Schadenshöhe gestern wenig mit sich spaßen. „Wenn die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stimmen, ist alles eine Frage der Berechnung. Wir bewegen uns im siebenstelligen Bereich und haben eine zweite Anklage auf dem Tisch. Da müssen Sie schon eine Menge zusammenkratzen“, erklärte Henckel der weitgehend zurückhaltend argumentierenden Verteidigungsbank. Geständnis inklusive, versteht sich.

Suche nach dem Knackpunkt

Den Knackpunkt des wirtschaftlichen Vergehens versucht Staatsanwalt Hendrik Timmer im vorliegenden Falle herauszuarbeiten. Nämlich, dass die Prostituierten im Bordell von Marion B. nicht selbstständig gearbeitet haben. Somit die Steuerabgabe und die Beiträge zur Sozialversicherung von der „Arbeitgeberin“ zu entrichten gewesen seien.

„Es gab keine fest vermieteten Zimmer, keine Miete und keine Verträge. Die Preise waren vom Chef vorgegeben“, fasste beispielsweise Erwin Binder von der Finanzverwaltung NRW, der 2009 nach dem Bordell-Besuch der Steuerfahnder bei der Vernehmung im Emmericher Polizei-Kommissariat dabei gewesen war, seine Erkenntnisse zusammen.

Die Zeugin Lidia K. gab immerhin an, ihren Nebenverdienst aus vier Jahren Bordell-Zeit neben ihrem Hauptjob als Kosmetikerin ordentlich versteuert zu haben.
Am kommenden Freitag um 9 Uhr wird die Hauptverhandlung im Klever Landgericht an der Schwanenburg mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

Übrigens:

Staatsanwalt Hendrik Timmer war vor einem Jahr schon im Emmericher Milieu unterwegs. Und förderte zutage, dass im Fun Garden und in der Villa Auberge die Bordelldamen „nicht selbstständig“ tätig waren. Somit die Besitzer Steuern und Sozialversicherungsabgaben hätten zahlen müssen. 4,1 Millionen Euro Staatsschaden sorgten bei Esed D. für fünf Jahre und neun Monate Gefängnis, bei seiner Geschäftspartnerin wegen Beihilfe für zweieinhalb Jahre Freiheitsentzug.