Blick in die Geschichte des Reeser Amtsgerichts

Eine Postkarte aus den 1920er Jahren mit der Ansicht des Amtsgerichts.
Eine Postkarte aus den 1920er Jahren mit der Ansicht des Amtsgerichts.
Foto: NRZ Emmerich
Was wir bereits wissen
Helmut Heckmann von Geschichtsverein Reesa rollte die Historie des alten Reeser Amtsgerichts mit einer Power-Point-Präsentation auf. Ein kurzweiliger Vortrag mit viele interessanten Details.

Rees..  Wer sich dem „Thing“ entzog, wurde „dingfest“ gemacht. In minderschweren Fällen kettete der Stadtbüttel den Verurteilten an den Pranger, zum Gespött der Leute. Helmut Heckmann vom Reeser Geschichtsverein Ressa, klärte in seiner bewährt kurzweiligen Art im Kolpinghaus Rees die Besucher mit einem informativen Vortrag über die Gerichtsbarkeit in Rees auf und gab auch spannende Einblicke in die germanische Urgerichtsbarkeit „Thing“.

Thingplatz an der Georgskapelle

Von dieser „niedrigen Gerichtsbarkeit“ leitete er über zur „Großen Geschichte des alten Amtsgerichts Rees“. Mit einer ansprechenden Power-Point-Präsentation, alten Fotos, Dokumenten und Zeichnungen bereicherte er sein Referat.

Mit Thing oder Ding wurde im germanischen Reich die souveräne Versammlung freier Männer zur Entscheidung aller die Gemeinschaft betreffenden Fragen benannt. Auf dem „Thingplatz“, der meist etwas höher lag, wurde unter einem Baum auch Gericht abgehalten.

In Rees hat es wohl in der Nähe der errichteten Georgskapelle einen Thingplatz gegeben. Der älteste Stadtplan Rees aus dem Jahr 1591 dokumentiert, dass auf dem Marktplatz Gericht gehalten wurde. Den für jeweils ein Jahr gewählten Schöffen oblag die Urteilsfindung. Der Büttel der Stadt musste dem Angeklagten das Urteil verlesen, bei Todesurteilen dem Delinquenten das Urteil überbringen. Die Verhandlungen waren zwar öffentlich, doch Frauen, Kinder, Fremde und Sklaven nicht zugelassen.

Die Geschichte des Reeser Amtsgerichts beginnt mit dem Vertrag von Schönbrunn am 15. Dezember 1805 zwischen Preußen und Frankreich. Von 1808 bis 1813 wurde Rees Sitz des Tribunals. Im Jahre 1860 belegte das Gericht Räume im Rathaus. Ab dem 19. Oktober 1878 stellte die Stadt dem Amtsgericht die erste Etage im Rathaus kostenlos zur Verfügung, ferner die Gefängniszellen im Anbau. Nach einem Protokoll wurden 1899 insgesamt 75 Strafsachen in 18 Sitzungen verhandelt. Dabei gab es 50 Verurteilungen und 29 Freisprüche. Wer nachrechnet, wird feststellen, dass dem Schreiber wohl ein Rechenfehler unterlaufen ist.

Geladene mussten Essen bezahlen

Die herausragende Bedeutung des Amtsgerichts Rees wird besonders deutlich mit dem großzügigen Neubau des Amtsgerichtsgebäudes, das am 29. September 1909 mit einem großen Fest eingeweiht wurde. Pikant: Die 58 anwesenden Herren mussten im Hotel Deymann ihr Essen selbst zahlen. Preis: vier Mark pro Person. Vielleicht war das der Grund, warum viele geladene Gäste abgesagt hatten.

Mit der kommunalen Neugliederung endete die Ära des Amtsgerichts Rees. Das Gebäude wurde von 1977 bis 1992 noch als zentrales Aktenarchiv genutzt. Als Zeitzeuge beendete Peter Bongers, seinerzeit tätig als Justizangestellter und, wie der schmunzelt ergänzte, als Hausmeister, den Rückblick über eine herausragende Geschichte des Amtsgerichts Rees.

Schade, dass nur rund 20 geschichtsinteressierte Bürger den Weg ins Kolpinghaus gefunden haben.