Als die Stadt Rees organlos wurde

Der Reeser Ordnungsamtchef Willi Beltermann arbeitet seit  50 Jahren  im Reeser Rathaus.
Der Reeser Ordnungsamtchef Willi Beltermann arbeitet seit 50 Jahren im Reeser Rathaus.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Wilhelm Beltermann hat während seiner 50-jährigen Tätigkeit bei der Stadt vieles erlebt. Nach der Pensionierung eröffnet der Verwaltungsfachmann ein Bürgerbüro und engagiert sich vermehrt im Deichverband

Rees..  Wenn Besucher im Rathaus vor der gekränzten Bürotür stehen, verraten erst die Fotografien, dass hier niemand seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. Vielmehr haben die Kollegen 50 Dienstjahre von Wilhelm Beltermann gewürdigt, der am 1. April 1965 hier seine Ausbildung begann.

Ein Foto am Jubiläumskranz erinnert an die Zeit um 1965, als es in Rees mehr Parkplätze als Autos auf dem Marktplatz gab. Damals war es der Vater, der für seinen Sohn Willi den beruflichen Werdegang bestimmte. „Ich habe gerade mit Bernhard Nelskamp gesprochen, du kannst am 1. April bei der Stadt anfangen.“ Damit hatte der Volksschulabsolvent Wilhelm Beltermann mit dem damaligen Stadtdirektor Nelskamp den ersten von bis heute sechs Chefs.

Wilhelm Beltermann hat der Reeser Stadtverwaltung die Treue gehalten. Mehr noch und darauf war sein Vater immer stolz, „ich habe es als Volksschüler auf dem zweiten und dritten Bildungsweg zu zwei Diplomen gebracht.“

Nach der Ausbildung für den mittleren Dienst schloss der heutige Leiter der Abteilung Bauverwaltung und öffentliche Ordnung an der Fachhochschule das Diplom zum Verwaltungswirt ab, um nach sieben Semestern an der Verwaltungsakademie Bochum noch mit dem Diplom für den gehobenen Dienst, Beamter für Verwaltung und Wirtschaft, abzuschließen.

Neben der ersten Gemeindehaushaltsreform, der kleinen und großen Kommunalen Neuordnung gab es auch besondere Herausforderungen zu meistern. Etwa als im Jahr 1984 die Gültigkeit der Kommunalwahl erfolgreich von Jürgen Hass angefochten worden war und die Stadt neun Monate organlos agieren musste. „Da ich von der Verwaltungsakademie kam, wurde ich beauftragt, die Situation zu meistern. Gemeinsam mit Hermann-Josef Becker, der damals seine Referendarszeit bei uns machte.“ Ein Fall, der über Jahre gern beim Landesjustizprüfungsamt abgerufen wurde. Damals arbeitete Wilhelm Beltermann im Hauptamt, bis er 1988 als Leiter in den Fachbereich Schule, Kultur und Sport wechselte. In diese Zeit fiel der Bau des Bürgerhauses. Und plötzlich erblühte das kulturelle Leben in Rees.

Notfalls auf Platt

Da Wilhelm Beltermann auf Grund seiner profunden Ausbildung ein exzellenter Verwaltungsfachmann ist, wurde er 1997 Leiter der Abteilung Bauverwaltung und öffentliche Ordnung. „Wir sind die unliebsame Eingriffsverwaltung“, erklärt Beltermann. Fingerspitzengefühl ist gefragt. „Da ist es von Vorteil, als alter Reeser die Mentalität der Bürger zu kennen. Da lassen sich viel leichter Probleme, etwa zu Gebührenbescheiden, aus dem Weg räumen. Notfalls auf Platt.“

Das Aufgabenspektrum ist breit gefächert: Abfallentsorgung, Gebührenerfassung, öffentlicher Tiefbau, Fundsachen, Friedhofswesen, öffentliche Ordnung, Feuerschutz, Kampfmittelbeseitigung oder der Schwan, der auf dem Eis festsitzt. Wenn es um Probleme im Verwaltungsrecht geht, ist Beltermann ein gefragter Mann, denn viele Klageerwiderungen stammen aus seiner Feder. „Schade, dass ich nicht mehr im Amt bin, wenn über die Klage gegen das Ingenieurbüro in Sachen Schulsanierung entschieden wird. Das Verfahren läuft immer noch“, ärgert sich Beltermann, der sich keineswegs auf den letzten Arbeitstag im Sommer freut. „Ich habe immer für ein Lebenszeitkonto plädiert“, so Beltermann. Nach seiner Pensionierung möchte er ein Bürgerberatungsbüro in seinem Haus eröffnen. „Beispielsweise wissen viele mit kleiner Rente nicht, dass ihnen Wohngeld zusteht. Sie leben unter dem Existenzminimum. Ihnen kann man helfen.“ Sein jüngster Sohn, der Maschinenbau studiert, hat bereits die nötigen IT-Ausstattung für den Vater eingerichtet. Nur wer mit der Stadt Rees Probleme hat, wird von Willi Beltermann nicht beraten. „Wir haben eine nachgehende Treuepflicht.“ Dafür wird sich Beltermann, der stellvertretender Deichgräf vom Deichverband Bislich Landesgrenze ist, vermehrt um den Deichschutz kümmern. Auch das ist eines seiner Steckenpferde.