Als der Vopo vom Moped sprang

Sie schwelgten 25 Jahre nach der NRZ Leserreise „Fahrt zu Freunden“ im Gartenhaus bei Familie Born in Erinnerungen. v.l  Renate Born, Rosemarie und Erich Horlitz, Günter Bellscheidt, Willi Deges, Jürgen Born, Helga Bellscheidt und Helga Deges.
Sie schwelgten 25 Jahre nach der NRZ Leserreise „Fahrt zu Freunden“ im Gartenhaus bei Familie Born in Erinnerungen. v.l Renate Born, Rosemarie und Erich Horlitz, Günter Bellscheidt, Willi Deges, Jürgen Born, Helga Bellscheidt und Helga Deges.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Vor 25 Jahren brachen NRZ-Leser in Wohnmobilen auf, um den Osten zu entdecken. Es wurde eine Fahrt von Freunden zu Freunden. Wiedersehen in Emmerich.

Emmerich..  Sie dürfen sich mit Fug und Recht zu den Pionieren des Ost-Tourismus zählen. Kurz nachdem die Mauer gefallen war, die DDR formal noch existierte und die offizielle Wiedervereinigung erst noch bevorstand, brach im Mai 1990 eine Camper-Karawane in Richtung Osten auf. Das Abenteuer „Neues Deutschland“ begann.

Organisiert hatte die „Fahrt zu Freunden“ die NRZ. Deren Fotograf Friedhelm Zingler und die Reporter Thorsten Scharnhorst und Alexander Richter aus Essen hielten ihre Eindrücke auf jeder Etappe der rund 2000 Kilometer langen Reise in Wort und Bild fest. Und es gab viel zu berichten in der Wendezeit.

„Ostalgie“ am Niederrhein

Für alle Teilnehmer wurde die Fahrt ein unvergessliches Erlebnis. Später wiederholten sie die Reise, doch die Jungfernfahrt blieb die prägendste, weil alles Neuland war.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums luden Jürgen und Renate Born gestern Helga und Günter Bellscheidt aus Mülheim/Ruhr, Rosi und Erich Horlitz aus Oberhausen sowie Helga und Willi Deges aus Wesel zu sich nach Emmerich ein.

Gemütlich saß man im Gartenhaus beisammen und schwelgte in Erinnerungen: Ostalgie pur am Niederrhein. Im Garten flatterten an einer Schnur NRZ-Wimpel und Käppis lustig im leichten Wind.

Das Quartett, das längst befreundet ist, ist ein wenig in die Jahre gekommen. Die Borns haben sich von ihrem zweiten Wohnmobil getrennt, nachdem es 259 000 km auf dem Buckel hatte. Schweren Herzens, räumt Jürgen Born (75) ein. Auch die anderen sind nicht mehr mit eigenem oder gemieteten Campermobil on Tour, neugierig geblieben sind sie allemal. Und feiern können sie auch ganz gut.

„Heute vor 25 Jahren waren wir in Lübben im Spreewald“, dreht Jürgen Born das Rad der Zeit mal eben um ein Vierteljahrhundert zurück, und schon sind sie wieder lebendig, die Szenen der Wendezeit, als alles spannend und neu war für die Menschen aus dem Westen und die Landsleute aus dem Osten. Man kam sich näher, gerne bei Speis’ und Trank. Etwa, als man sich den Wildschweinbraten am Spieß schiedlich-friedlich teilte.

Großes Staunen

Alle sehen noch genau den Vopo vor sich, wie er mitten auf der großen Kreuzung sein Motorrad wegwirft und den Verkehr anhält, um den Konvoi durchzulassen. Oder die Szene, als Erich Horlitz sich mit zwei jungen russischen Soldaten fotografieren ließ, die sonntags frei hatten und die deutsch-russische Freundschaften hochleben lassen wollten.

„Überall standen Leute und staunten“, erinnert sich Helga Deges, „die ganz Neugierigen haben uns im Wohnwagen besucht, und wir haben Bananen verschenkt“. So war das tatsächlich ‘90!

Die NRZ-Karawane war in Rotenburg an der Fulda gestartet. Am Grenzübergang Herleshauses benötigte man kein Visum mehr, der Personalausweis genügte. Stationen waren u.a. Eisenach, Weimar, Erfurt, Leipzig, Torgau, Spreewald, Greifswald, Stralsund und Rügen - und dann ging es heimwärts. Im Gepäck viele neue Eindrücke - und neue Freundschaften zwischen Ost und West. „Alfred und Martina Dück aus Lübben kommen uns noch regelmäßig besuchen“, berichtet Jürgen Born.

Alle finden, dass der Soli gut angelegt worden ist. „Es ist viel erreicht worden“, meint etwa Rosi Horlitz. „In Usedom und Rügen ist alles schön, in abgelegenen Dörfern nicht“, ist der Eindruck von Günter Bellscheidt. Freilich: Nachholbedarf gebe es auch im Westen. Sei’s drum: „Wir fahren“, sagt Rosi Horlitz, „gerne rüber, um zu sehen, wo der Soli geblieben ist.“