Zweifelhafte Fahrkünste brachten 71-Jährigen vor Gericht

Manches, was man kaum glauben kann, muss der Jurist am Ende als Wahrheit hinnehmen, nur weil er das Gegenteil nicht beweisen kann. Das zeigte ein Prozess um eine mutmaßliche Attacke auf einen Nachbarn, für die sich gestern ein 71-jähriger Meidericher vor dem Amtsgericht am König-Heinrich-Platz verantworten musste.

Die Anklage warf dem Rentner einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und eine gefährliche Körperverletzung vor: Am 9. Oktober 2014 sei er vor seiner Wohnung vorsätzlich auf einen Nachbarn losgefahren. Der hatte sich nur mit einem Sprung zur Seite retten können, prallte dabei allerdings mit der Schulter vor eine Hauswand. Das Auto des Rentners beschädigte noch das Fahrzeug des 52-Jährigen und streifte eine Wand, bevor der 71-Jährige davonbrauste, ohne sich um den Schaden zu kümmern.

Der Angeklagte beteuerte, dass er nicht absichtlich gehandelt habe. Seitdem er Streit mit seinem Nachbarn gehabt und der ihn auch schon einmal geschlagen habe, bekomme er jedesmal Panikattacken, wenn er den Mann sehe. So auch am Tattag. „Ich habe wohl das Steuer verrissen und die Pedale verwechselt“, erklärte der Angeklagte.

Der Nachbar erinnerte sich, er habe gerade Wischwasser an seinem Auto nachfüllen wollen, als er einen aufheulenden Motor gehört habe. „Hätte ich nicht reagiert, wäre ich tot gewesen.“ So brachte ihm der Vorfall eine lädierte Schulter ein, die in der Folgezeit mehrfach operiert werden musste. Die Nichte des Geschädigten hatte die Tat zufällig aus dem Fenster beobachtet: „Der Nachbar kam aus dem Haus, stieg ins Auto und fuhr auf meinen Onkel los.“ Unbeteiligte Tatzeugen gab es nicht.

Das Gericht konnte dem Angeklagten dessen Darstellung nicht widerlegen und verurteilte den 71-Jährigen lediglich wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung: Mit einer Panikattacke, die ihm das Führen eines Fahrzeugs offenbar unmöglich machte, hätte der Angeklagte sich nicht ans Steuer setzen dürfen. Der Rentner kam mit einer Geldstrafe von 400 Euro (40 Tagessätze zu je zehn Euro) davon. Zudem muss er seinen Führerschein abgeben und darf frühestens in einem halben Jahr einen neuen beantragen.