Zurück in die Vergangenheit
03.09.2010 | 16:56 Uhr 2010-09-03T16:56:00+0200
Die Städtepartnerschaft zwischen Duisburg und Portsmouth feiert ihr 60- jähriges Jubiläum (wir berichteten). Sie ist die älteste noch bestehende Kooperation unserer Kommune dieser Art und wird vor allem von den „Duisburger Portsmouth-Freunden“ mit Leben gefüllt. Teil eines umfangreichen kulturellen Austausches ist auch der alljährliche Besuch in Portsmouth. Für einen Mann ist die Reise nach England jedes mal etwas ganz besonderes.
„Ich habe meine erste große Liebe während der Kriegsgefangenschaft in England kennengelernt und dort trotz aller Schwierigkeiten eine schöne Zeit gehabt. Die 3,5 Jahre in Gefangenschaft habe ich nie als verlorene Zeit empfunden“, berichtet Georg Hoguth.
Mit 17 Jahren wurde er eingezogen, um in Augsburg eine Ausbildung zum Flieger bei der Luftwaffe zu absolvieren. Da, 1945 aber kaum noch Piloten benötigt wurden, wurde Hoguth zunächst als Fallschirmjäger eingesetzt. Im Januar 1945 sollte er zusammen mit seinem Freund aus Kindheitstagen an die Ostfront versetzt werden. „Der Krieg war fast vorbei und wir wollten unter keinen Umständen noch an die Front und damit ins Schlachtfeld ziehen müssen“, erinnert sich der 83- Jährige. Also haben sich die jungen Soldaten für eine Ausbildung zum Scharfschützen in Berlin beworben. „Leider konnte Kurt nicht besonders gut schießen und war nicht geeignet für diesen Posten. Er wurde an die Front geschickt. Ich habe nie wieder was von ihm gehört“, erzählt der Veteran. In Berlin habe Georg Hoguth erst richtig verstanden wie brutal der Krieg war. Er und seine Kameraden haben sich um verwundete und verstümmelte Soldaten gekümmert. „Das waren grauenhafte Bilder und sind schlimme Erinnerungen.“ Schon bald erhielt der Duisburger einen Marschbefehl zusammen mit zwei anderen Scharfschützen in die Niederlande auszurücken. Schnell erkannten die Soldaten, dass sie gegen die Alliierten Befreiungstruppen machtlos waren und setzten zum Rückzug an.
„Wir haben uns in Kellern versteckt und nachts Lastfahrzeuge geentert, um an Nahrung zu kommen“, sagt Hoguth. Bis nach Bocholt konnten sich die jungen Männer zurückziehen, ehe sie von englischen Soldaten gestellt worden. Dort gerieten sie in einen Hagelbeschuss und für den Duisburger wurde der Krieg so real wie nie zuvor. „Ich habe zuvor nur auf dem Übungsplatz auf Pappkameraden geschossen und sollte jetzt auf lebende Menschen schießen. Wir versteckten uns in einem Graben. Ich hatte große Angst.“ Die Soldaten rannten einer nach dem anderen aus dem Graben und versuchten zu fliehen. Als Scharfschütze war Georg Hoguth einer der letzten der den Graben verlassen durfte. „Ich bin um mein Leben gerannt, schneller als je zuvor“, erinnert er sich. Nach dem Ende des Schusswechsels ergaben sich die deutschen Soldaten.
„Wir wurden dann nach Weeze gebracht und in offenen Waggons auf einem Zug nach Belgien geschafft. Die Waggons waren offen, damit uns die Bevölkerung in Belgien mit Steinen bewerfen konnte“, schmunzelt der 83- Jährige. Nach einem Monat in Belgien lief Hoguth am 1. Mai 1945 in London ein und wurde in das Gefangenenlager bei York gebracht, dass für die nächsten 3,5 Jahre sein Zuhause wurde.
Der Duisburger war kreativ, machte aus der Not eine Tugend. Er fertigte Bürsten aus Pferdehaaren an, die er zuvor „ohne das es jemand merkte“ den Tieren eines Großgrundbesitzers abschnitt. Er baute Spielzeug aus Holzstücken, die er von seiner Arbeit auf der Baustelle in „kleinen, unauffälligen Mengen“ mitgehen lies und verkaufte all seine Erzeugnisse. „So konnte ich mir ein bisschen englische Währung verdienen und war nicht mehr allein auf die wertlose Lagerwährung angewiesen“, erzählt Hoguth. Mit dem Geld kaufte er sich nach und nach neue Kleidung und versuchte sich in die englische Gesellschaft zu integrieren. Er löste die Beschreibungszettel von Konservendosen und bastelte sich daraus Vokabellisten, um die Sprache zu lernen. Der junge Deutsche war nicht nur kreativ, sondern auch sehr beliebt bei den englischen Frauen, wie er berichtet. Er lernte eine junge Frau namens Doris kennen, sie verliebten sich und waren glücklich miteinander bis Hoguth in seine Heimat zurückdurfte.
„Nach 30 Jahren bin ich das erste Mal wieder nach England gereist und habe Doris sogar gefunden. Sie ist verheiratet und hat Kinder. Wir werden beide niemals die schöne Zeit vergessen, die wir zusammen hatten“, sagt er.
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