Zum Sieg gerannt

Weltbekannt wurde Christoph Kramer wohl spätestens nach dem Bodycheck im WM-Finale: Durch die folgende Endspiel-Amnesie ging er als der Spieler in die Fußballgeschichte ein, der sich nicht mehr an seine Finalteilnahme erinnern kann. Aber auch sonst steht Christoph Kramer oft ganz oben, zum Beispiel wenn es um die Statistik geht. Christoph Kramer war in der letzten Bundesliga-Saison der lauffreudigste Spieler, rannte durchschnittlich pro Spiel 13,1 Kilometer über das Feld. Und auch in der laufenden Saison steht er in der Statistik ganz oben: In der Hinrunde brachte er es auf 12,9 Kilometer.

Dass der Erfolg mitunter auch von der Laufleistung abhängt, hat jetzt der Duisburger Sportökonom Dr. Daniel Weimar bewiesen. Der Wissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen hat mit einer Kollegin der Sporthochschule Köln die Laufwege aus genau 757 Erstliga-Begegnungen der letzten drei Spielzeiten ausgewertet. Ihr Fazit: Je emsiger eine Elf, desto besser. Pünktlich zum Rückrundenstart der Bundesliga wird die Studie jetzt im international renommierten „Journal of Sports Economics“ veröffentlicht.

Auf die Idee kam Weimar, der bereits die Karrieren von 270 Jugendmeistern beleuchtet und für die NRZ das Risiko der Zebra-Anleihe unter die Lupe genommen hatte, durch eine vorausgegangene Studie: 2013 hatte er untersucht, ob sich die Laufwege auf den Marktwert auswirken. „Da das nicht der Fall war, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wurden sie bisher einfach noch nicht berücksichtigt oder aber sie haben doch keinen entscheidenden Einfluss auf das Spiel“, sagt Weimar.

Nach seiner Analyse von insgesamt 25.000 einzelnen Spielbeobachtungen, bei der er auch Einflussgrößen wie Taktik, Alter, Verein, Ballkontakte, Passquote, Zweikämpfe und sogar die Zuschauerzahl berücksichtigt hat, ist er überzeugt: „Die Kunst zu gewinnen, hängt vom Fleiß ab.“ Und das lässt sich sogar in Zahlen fassen: „Jede 100 Meter, die ein Spieler mehr rennt als sein Gegner, machen einen Sieg um 3,19 Prozent wahrscheinlicher. Trifft ein Underdog auf einen Favoriten, sind es sogar 4,5 Prozent.“

Die genannten Wahrscheinlichkeiten wirken sich vor allem bei Begegnungen zweier gleichwertiger Mannschaften aus. Denn: Auch das Talent ist natürlich maßgeblich, rennen alleine reicht eben nicht. Ein Beispiel aus der Saison 2012/13: Am fleißigsten waren die Profis vom 1. FC Nürnberg (12,61 km) und von Werder Bremen (12,52 km). Fußballerisch boten beide Vereine damals allerdings Mittelmaß, sagt der Sportökonom: „Isoliert darf man die Zahlen nicht betrachten. Wichtig ist zu schauen, welches Pensum der Gegner abspult.“ Daher ein anderes Beispiel aus der Saison zuvor: Bayern gegen Dortmund. „Jeder BVB-Spieler lief durchschnittlich 1,16 km mehr als ein Münchner. Dortmund wurde am Ende Meister“, sagt der Wissenschaftler, der durchaus auch selbst mit dem runden Leder umgehen kann: Er spielte für den Bezirksligisten VfL Süd, hat inzwischen aber mit der Hallenfußball-Variante „Futsal“ Vorlieb genommen.

Ist das Moneyball-Phänomen auch Bundesliga-tauglich?

Apropos Dortmund: Die stehen bekanntlich derzeit ganz unten. Ist auch die Laufleistung schuld? Weimar hält andere Variablen für ausschlaggebend, sieht in den Daten viel „Varianz“, weil auch die Aufstellung durch Verletzungen ständig gewechselt hat. Aber hilft es nicht, dass Dortmund mit Aubameyang immerhin einen der schnellsten Spieler der Liga hat? Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass viele Sprints nicht immer gut sind. Die Aussicht zu punkten, sinke sogar mit jedem Sprint: „Mannschaften, die mehr und konstant unter 20 km pro Stunde laufen, sind erfolgreicher.“

Inspiriert zu der Studie hatte Weimar auch das Moneyball-Phänomen aus dem US-amerikanischen Baseball, das 2011 aufwendig mit Brad Pitt verfilmt wurde: Die Oakland Athletics hatten Ende der Neunziger ein Team neu zusammengestellt und einen Ligarekord von 20 Siegen in Folge aufgestellt. Die Spieler galten nach gängigen Statistiken als mittelmäßig; verpflichtet wurden sie aufgrund anderer Parameter, die sich jedoch als spielentscheidend herausstellten. Beim Fußball könnte für Weimar die Laufleistung ein ähnlich bislang unberücksichtigter Parameter sein.

Aber ließe sich das Statistik-Modell denn nun auf die Bundesliga übertragen? „Das Moneyball-Phänomen bezieht sich auf Marktineffizienzen. Das heißt, dass bestimmte Spieleigenschaften spielentscheidend sind, aber noch nicht vom Markt bewertet werden. Dies trifft auf die Baseball-Liga damals wie auch anscheinend aktuell auf die Bundesliga zu“, sagt Weimar.