Zum Brüllen komisch
21.10.2010 | 17:19 Uhr 2010-10-21T17:19:00+0200
Duisburg.Wenn Karen Kamensek als Gastdirigentin der Duisburger Philharmoniker antritt, darf man keine braven Programme erwarten.
Und so wird manch konservativer Hörer im 3. Philharmonischen Konzert gedacht haben, Henze und Gulda, das ist durchzustehen, dann gibt’s zum Trost ja Richard Strauss‘ „Zarathustra“. Und wird sehr bald gestaunt haben, wie wenig schräge Töne es im ersten Programmteil zu hören gab.
Von Hans Werner Henze eh nicht, dessen Strawinsky-Spielereien im Frühwerk „Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber“ nach Paul Klee schon 1950 wenig skandalträchtig gewesen sein dürften. Aber auch von Friedrich Gulda, der sich ja gern als Enfant terrible sah, was er als Pianist ja durchaus sein konnte, ist kompositorisch wenig zu befürchten, das den Ohren wehtäte.
Der vor zehn Jahren verstorbene Gulda hat 1980 für Heinrich Schiff ein Konzert für Cello und Blasorchester geschrieben, das weniger mit schrägen Noten als mit gewollten Stilbrüchen provoziert – und fasziniert. Guldas Verhältnis zu Schiff kühlte später deutlich ab. 1989 antwortete er in einem Interview auf die Frage, ob der Cellist sein Konzert denn noch spielen dürfe, in seiner bekannt schonungslosen Gangart: „Doch, von mir aus. Ob Herr Schiff mein Konzert spielt oder schifft, oder ob es ein anderer tut, ist mir egal.“ Jedenfalls kombiniert Gulda stilistisch eigentlich unvereinbar erscheinende Sätze. Das ist zum Brüllen komisch, etwa wenn einer rockig-jazzigen „Ouvertüre“ eine „Idylle“ folgt, bei der die Alpen glühen, und wenn als Kehraus eine gestandene Jahrmarktsmusik erklingt.
Anders als bei Mahler, der Sprengkraft aus der Gleichzeitigkeit ungleicher Ereignisse gewinnt, liegt Guldas Tabubruch in der Abfolge – bleibt also hinter Mahlers Kühnheit weit zurück. Aber unbestreitbar ist es eine Musik, die unmittelbar mitreißt, zuweilen gar rührt. Und es ist eine dankbare Aufgabe für den Solisten, umfangreiche Kadenz inklusive, ein Sammelsurium technischer Kabinettstückchen. Der gefeierte Solist in der Philharmonie Mercatorhalle war der junge Ungar Laszlo Fenyö, der das Publikum auch mit einer David-Popper-Zugabe zu Beifallsstürmen hinriss.
Die Duisburger Philharmoniker, die Henze mit angemessener Ausgewogenheit, Gulda denkbar pointiert – und wo nötig geradezu ausgelassen – umsetzten, hatten natürlich in „Also sprach Zarathustra“ ihren großen Auftritt. Karen Kamensek entwickelte Richard Strauss‘ Orchesterfarben höchst spannend. Analytische Klarheit und Klangrausch bildeten da keinen Widerspruch.

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