Zu viele Jugendliche ohne Abschluss

Eine Trendwende in der Arbeitsmarktpolitik fordert Professor Dr. Gerhard Bosch von der Universität Duisburg-Essen. „Das deutsche Bildungssystem hält nicht Schritt mit der steigenden Nachfrage nach Fachkräften. Es gibt zu viele Jugendliche ohne Berufsabschluss“, sagt der Arbeitsmarktforscher Bosch, der das Uni-Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) leitet, im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Die Philosophie von Hartz IV, Löhne zu senken, damit Unternehmen Gering- und Unqualifizierte beschäftigen, hat sich als falsch erwiesen.“ An ihnen sei der Beschäftigungsaufschwung der letzten Jahre vorbeigegangen, denn der wachsende Niedriglohnsektor wurde nicht zum „erhofften Auffangbecken einfacher Arbeit“.

Heutzutage seien, so Bosch, bereits 75,4 Prozent aller Niedriglöhner qualifiziert und hätten eine berufliche (66,8%) oder sogar eine akademische (8,6%) Ausbildung, denn Unternehmen setzten inzwischen bei einfachen Arbeiten auf gut qualifiziertes Personal.

Kaum Malocher an der Schüppe

Den Malocher, der nur die Schüppe in die Hand nimmt, treffe man kaum noch an. „Der Charakter der einfachen Arbeit hat sich verändert, einfache Muskelarbeit gibt es nicht mehr.“ Statt dessen sei einfache Arbeit nun komplexer, verlange unter anderem Kommunikationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, körperliche Fitness sowie ein ansprechendes Äußeres und soziale Kompetenzen. Daher bevorzugen deutsche Unternehmen nun qualifizierte Mitarbeiter.

„Im Jahr 2025 wird es rund 1,3 Millionen mehr Geringqualifizierte geben, als die Wirtschaft einsetzen kann.“ Das sei beunruhigend: „Heute sind über eine Millionen junge Menschen zwischen 25 und 35 ohne Berufsausbildung.“ Sie erwarte meist eine trostlose Zukunft: Mit 40 Jahren langzeitarbeitslos und im Alter beziehen sie dann Grundsicherung. „Wir müssen dringend den Anteil der Leute ohne Berufsausbildung verringern.“ Besonders hoch sei er Jugendlichen mit Migrationshintergrund, mit etwa 40 % viel zu hoch.

Auch die Politiker haben diese Probleme längst erkannt. Bereits 2008 fassten Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten beim Dresdener Bildungsgipfel das Vorhaben, bis 2015 die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Abschluss von rund 17% auf 8,5% zu halbieren. Ziel verfehlt: 2013 hatten noch immer 1,4 Millionen junge Menschen (13,8%) keinen Berufsabschluss. „Bisher war das viel heiße Luft. Die Ziele des Gipfels sollten aber jetzt ernsthaft verfolgt werden. Das ist kurzfristig teuer, aber auf die nächsten Jahrzehnte gerechnet deutlich billiger als Langzeitarbeitslose.“

Um den drohenden Fachkräftemangel zu verhindern, fordert Bosch ein Maßnahmenpaket: „Die vorschulische Erziehung muss ausgebaut werden, um die sprachlichen Voraussetzungen für schulischen Erfolg zu legen. Weniger Schulabbrecher und mehr Ausbildungsplätze ist die Divise.“ Denn, davon ist Gerhard Bosch überzeugt: „Bildungspolitik ist die beste Arbeitsmarktpolitik.“

Doch auch für Erwachsene hat er Forderungen. Für sie müsse es ein „System der zweiten Chance“ geben, in dem ein Berufsabschluss nachgeholt werden kann. Außerdem müssten viel mehr Menschen als die derzeit rund 60 000 umgeschult werden. Denn Fachkräftemangel lasse sich nicht allein durch Zuwanderung verhindern.