Wo Tiere eine neue Heimat finden

Eines Tages kam dieses Mädchen, sechs Jahre war es alt. Und das Kind hat nicht gesprochen. Mit niemandem. Es hatte in seinem jungen Leben bereits Schlimmes erlebt. Und der Missbrauch hatte Spuren hinterlassen. Auf dem Tiergnadenhof in Rheinhausen fand das Kind die Sprache wieder. Es dauerte eine Weile, aber dann unterhielt sich das Mädchen mit einem Pony. Und nach sechs Monaten sprach das Mädchen auch wieder mit anderen Menschen.

Der Tiergnadenhof ist mehr als nur ein Ort, an dem Tiere ihren Ruhestand verbringen können. Der Hof ist auch eine Jugendfarm. Die Idee: Junge Leute sollen Verantwortung für ein Tier übernehmen und dadurch Kraft und Selbstvertrauen entwickeln. Kindergartengruppen kommen, Schulklassen ebenso, auch Behindertengruppen sind regelmäßig zu Gast. „Unsere Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, dass Kinder Umgang mit Tieren haben“, sagt Renate Zolopa (56), die den Tiergnadenhof gemeinsam mit ihrem Mann Hans leitet. „Viele Großstadtkinder haben hier ihre ersten Kontakte zu Tieren.“

Jeden Morgen um acht

Ihr Mann Hans ist 75 Jahre alt. Und eigentlich könnte er mittlerweile ganz entspannt das Rentner-Dasein genießen. Macht er aber nicht. Stattdessen schließt er jeden Morgen um acht Uhr das Tor zum Tiergnadenhof auf – und macht sich an die Arbeit. Zehn-, Zwölf-Stunden-Tage sind für Familie Zolopa die Regel, auch an den Wochenenden. „Zuhause sitzen und nichts tun? Das könnten wir nicht“, sagt Renate. „Die Tiere sind uns so sehr ans Herz gewachsen. Da sind wir gerne bereit, persönliche Opfer zu bringen.“

Die Geschichte des Tiergnadenhofs begann vor mehr als zehn Jahren. Eigentlich hatte Hans Zolopa ja nur nach einer Reitbeteiligung für seine Tochter gesucht. Doch am Ende war er Besitzer eines ganzen Bauernhofs.

Die Tiere wieder aufgepäppelt

„Ich konnte einfach nicht mit ansehen, wie die Tiere dort gehalten wurden“, sagt der gelernte Landwirt und Kfz-Meister. Auf dem Bauernhof habe es kein Heu gegeben, die Tiere litten Hunger. Ein alter Bauwagen diente den Pferden als einziger Unterstand, das Dach war nur notdürftig mit Plastikplanen abgedichtet. Wind und Wetter waren sie fast schutzlos ausgeliefert„Da hab ich den Hof übernommen, die Tiere aufgepäppelt und die Ruine wieder hergerichtet.“

Heute ist das Ehepaar Zolopa verantwortlich für rund 300 Tiere auf zwei Höfen in Rheinhausen. Natur und Industrie liegen hier nah beieinander. Die saftig-grünen Weideflächen des Tiergnadenhofs erstrecken sich bis ans Ufer des Rheins. Auf der anderen Seite des Flusses ragen hohe Schornsteine in den Himmel.

Hauptsächlich leben Pferde und Ponys auf dem Hof. Es gibt aber auch eine große Anzahl an Eseln, Schafen, Ziegen, Kaninchen, Hunden, Katzen, Enten, Gänsen und Hühnern.

Die Tiere kommen allesamt aus schlechter Haltung, waren ihren Besitzern lästig oder wurden in Laboren als Versuchsobjekte benutzt. „Jeden Tag klingelt bei uns das Telefon, weil jemand sein Tier abgeben will“, sagt Renate Zolopa. „Aber wir können nicht noch mehr Tiere aufnehmen. Wir sind voll.“

Sämtliche Arbeit auf dem Tiergnadenhof wird ehrenamtlich geleistet. Geld für Personal gibt es nicht. Das Projekt finanziert sich aus Spenden. Doch die Eingänge sind rückläufig. „Man merkt, dass die Leute selber weniger in der Tasche haben“, sagt Zolopa. Das, was auf dem Konto eingeht, ist schnell aufgezehrt: Die laufenden Kosten, etwa für Pacht, Tierarzt, Futter, Hufschmied und Strom, liegen monatlich bei rund 3000 Euro. Förderung von der Stadt oder vom Land gibt es nicht.

Ohne Ehrenamtliche ginge nichts

Möglicherweise hätte der Duisburger Tiergnadenhof schon längst schließen müssen, wenn es keine freiwilligen Helfer gäbe: Sie kümmern sich um die Tiere, striegeln die Pferde, kratzen ihnen die Hufe aus, reiten sie oder gehen mit ihnen spazieren. Sie halten die Zäune in Schuss und pflegen die Stallungen auf dem 15 Hektar großen Gelände. „Ohne diese Unterstützung ginge das alles hier gar nicht“, sagt Renate Zolopa. „Und manchmal haben wir trotzdem das Gefühl, das uns alles über den Kopf wächst. Aber diese Zweifel vergisst man auch ganz schnell wieder, wenn man sieht, was wir hier alles erreicht haben.“