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Loveparade

„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“

25.07.2010 | 00:00 Uhr
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
Foto: Malzbender

Duisburg.Nicole Abbassi und andere Anwohner der Karl-Lehr-Straße hatten einen unfreiwilligen Logenplatz auf die Katastrophe bei der Loveparade – und erheben Vorwürfe: Die Organisatoren hätten im Vorfeld die Bedenken wegen des engen Tunnels beiseite geschoben.

Nicole Abbassi ringt um Fassung. Die Momente der Massenpanik, die sie und ihre Nachbarn miterleben mussten, sie kehren immer wieder vor ihr inneres Auge zurück. Als Anwohner der Karl-Lehr-Straße 16 wohnt sie neben dem Eingang zu jenem Tunnel, der am Samstag mindestens 19 Menschen in den Tod führte. Dieser unfreiwillige Logenplatz auf die Katastrophe war ein grauenvoller.

Dabei hatte alles ruhig und fröhlich begonnen. Bereits ab dem Vormittag strömen die Raver an den braunen Backsteinhäusern hier im Dellviertel vorbei. Und Nicole Abbassi steht mit vielen Nachbarn vor der Haustür im Vorgarten. Diese liegen einige Meter über dem Höhenniveau der Straße, so dass sie von dort auf die Massen hinunter schaut. Als Trennlinie zwischen dem Grundstück und der Zugangsstraße zum Festivalgelände dienen provisorische Zäune, die überall im Stadtgebiet als Sperren benutzt werden. Einziger Unterschied: Diese hier sind nicht aneinandergesteckt, sondern verschraubt. Das Öffnen wird so zum Ding der Unmöglichkeit.

„Plötzlich ging nichts mehr“

Organisation
Fläche nur für 250.000 Menschen genehmigt

Lediglich 250.000 Besucher hätten sich nach WAZ-Informationen zeitgleich auf dem Loveparade-Gelände aufhalten dürfen. Planungsdezernent Jürgen Dressler bestätigte am Sonntag im Gespräch mit der Redaktion diese Zahl. Sein Dezernat habe in der vergangenen Woche in einer Baugenehmigung für die eingezäunte Fläche die Beschränkung auf 250.000 Besucher festgelegt, sagte Dressler. Die Baugenehmigung sei dem Veranstalter zugeleitet worden. Auf die Frage, wer dann die Million Raver auf dem Areal zu vertreten hätte, sagte Dressler: „ Das ist eine Frage, die zu klären sein wird.“

Jürgen Dressler war übrigens nicht dem Wunsch von OB Adolf Sauerland nachgekommen, an der Pressekonferenz am Sonntag im Rathaus teilzunehmen. Er habe verzichtet, weil er nicht für etwas in Verantwortung gezogen werden wolle, was er nicht zu vertreten habe. (wolfgang Gerrits)

Die Party ist im vollen Gange. Die allgemeine Stimmungslage dies- und jenseits des Zauns: entspannt und heiter. Bis gegen 16 Uhr ist es im und vor dem Tunnel konstant prall gefüllt, aber eben nicht überfüllt. „Plötzlich ging aber nichts mehr – und von hinten rückten immer mehr Menschen nach. Ich habe nicht verstanden, warum die Polizei nicht spätestens dann an der Kreuzung zur Düsseldorfer Straße alles dicht gemacht hat“, sagt Abbassi.

Nun beginnt für die Anwohner das Chaos. Weil es auf offiziellem Wege kein Weiterkommen gibt, suchen sich die Ungestümen einfach Umwege durch schlechter bewachte Seitenstraßen in der Nähe. Sie alle wollen so den Tunnel-Engpass umgehen – und landen dabei nur in den Gärten der Anwohner an der Karl-Lehr-Straße. „Wir wurden überrannt. In Gruppen von zehn bis 20 Leuten sind sie im Minutentakt über unser Zäune geklettert – oder haben sie eingetreten. Erst als sie an unseren Häusern seitlich vorbei waren, haben sie gesehen, dass sie sich immer noch vor dem Tunneleingang befanden“, schildert Abbassi.

Dann werden Schreie und Hilferufe immer lauter. Auch die Anwohner wissen nun: Es muss etwas Schlimmes passiert sein. Und hilflos müssen sie mit ansehen, dass dieses Gedränge und Gequetsche zur Falle wird. „Es war wie damals bei der Fußball-Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion. Es wurde einfach von hinten weiter gedrängt.“ Versuche, irgendwie zu helfen, enden erfolglos. Als die Katastrophen-Nachricht von Toten durchdringt, vergeht laut Abbassi weitere Zeit, bis die Rettungskräfte zu den Opfern vordringen. „Dort wurde eine provisorische Intensivstation eingerichtet. Wir sind später auch hin und fragten die Helfer, ob wir etwas machen können. Mein Nachbar ist Rettungssanitäter. Als wir dort waren, haben wir viele junge Sanitäter gesehen, die mit den Nerven völlig am Ende waren und selbst geweint haben.“

Bedenken beiseite geschoben

„Wir wussten, dass so etwas passieren würde. Dieser Tunnel ist doch schon beklemmend, wenn man allein durchläuft. Und jetzt waren Tausende da drin.“ Dann hält sie kurz inne und sagt: „Wie konnte man die hier nur durchlaufen lassen...“ Dies ist keine Frage. Sondern ein Vorwurf in Richtung Organisatoren.

Die hatten sich vor drei Monaten sogar extra noch mit allen Anwohnern getroffen – und ihr Sicherheitskonzept erläutert. „Immer, wenn wir Bedenken geäußert haben – gerade zum Tunnel – dann wurden diese höflich, aber bestimmt beiseite geschoben“, ärgert sich Abbassi. „Wir haben uns nicht ernst genommen gefühlt.“ Deshalb klagt sie nun auch an: „Das Sichehreitskonzept des Veranstalters hat überhaupt nicht gegriffen. Selbst ein Polizist hat mir gegenüber zugegeben, dass man hoffnungslos überfordert sei.“

Den Schmerz und den Ärger über das Erlebte kann Nicole Abbassi aber deshalb ertragen, weil sie am Samstagabend ihre vermisste Tochter in die Arme schließen konnte. Die war selbst auf dem Gelände, als es passierte. Und sie kehrte zurück. Gesund.

Thomas Richter

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Kommentare
25.07.2010
18:05
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von vollstrecker | #37

@ Kalaschnikow

Was ist in Deinem Leben alles schiefgelaufen um einen solchen Kommentar abzulassen? Tu Dir und uns einen Gefallen:
Kalaschnikow laden, Mund auf, abdrücken... Danke!!

25.07.2010
17:48
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von Sandra | #36

@Jana

Ralf Jäger hat sich im Gegensatz zu unseren OB gestern schon der Kamera gestellt. Aber unser OB war weit und breit nicht zu sehen.
Weil er genau weiß, dass er einen großteil der Schuld trägt. Ohne Ihn hätte die Parade garnicht stattgedunfen, das darf man nicht vergessen.

Er allein hat sich darum bemüht das die Parade nach Duisburg kommt, obwohl ihm alle davon abgeraten haben.

Adolf Sauerland MUSS zurücktreten!

25.07.2010
17:41
Blockierter Kommentar.
von Hans Huckebein | #35

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

25.07.2010
17:41
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von Wer ist verantwortlich | #34

Nun, ich bin gespannt was die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sollten Bedenken (von Anwohner und Feuerwehr/Polizei) tatsächlich beiseite geschoben worden sein (Die Loveparade MUSS kommen), dann müssen Köpfe rollen. Jetzt Rücktritte von irgendwelchen Politikern zu fordern, halte ich für verfrüht.

25.07.2010
17:36
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von Hastewas | #33

Es ist doch immer das selbe. Es muss

immer erst etwas passieren bevor gehandelt

wird. Das war so und wird auch immer so

sein! Dieses Drama hätte nicht sein müssen!

Mein beileid an die Angehörigen!!

25.07.2010
17:29
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von LoupGarou | #32

# 24
Lieber Uwe Novak, Sie haben es auf den Punkt getroffen.
Ich schäme mich für die Unfähigkeit der Planer und Lokalpolitiker - die heutige Pressekonferenz war ja wohl bezeichnend dafür.
Wenn ich erlebe, wie mit der Sicherheit von vielen Menschen gespielt wird, könnte ich nur noch kotzen.

25.07.2010
17:25
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von jana sommer | #31

So ganz nebenbei: Der Innen- und Kommunalminister Ralf Jäger ist Vorsitzender der SPD in Duisburg. Er ist also als Innenminister, als Wahlkreisabgeordneter und als örtliche SPD-Größe direkt betroffen. Wo war er denn bei der Pressekonferenz? Hat die Landesregierung denn gar nichts mit diesem Großereignis zu tun und sind allein die Duisburger Lokalpolitiker/Dezernenten/Polizisten für die Katastrophe verantwortlich?

25.07.2010
17:24
Blockierter Kommentar.
von DietmarKalaschnikow | #30

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

25.07.2010
17:18
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von MarkusHeinken | #29

Lest unbedingt diesen Artikel - ein Interview mit dem Veranstalter Rainer Schaller im Juli 2009:

http://www.handelsblatt.com/mcfit-chef-rainer-schaller-ich-bin-100-prozent-risikobereit;2434073

Zitate:

„Ich bin 100 Prozent risikobereit.“

Wir haben uns lange überlegt, was wir denn Verrücktes machen können, um bekannter zu werden. Wir haben uns für die Love Parade entschieden. Das war ein Himmelfahrtskommando.

Ich hoffe dass die Presse auf dieses Interview aufmerksam wird, denn es stellt die Persönlichkeit des Veranstalters doch auf sehr aufschlußreiche Weise dar! 100% Risikobereitschaft endeten in 100% Desaster!

25.07.2010
17:18
„Wir wussten, dass so etwas passieren würde“
von feuerengel | #28

Es wurde wissentlich in Kauf genommen, dass es an dieser Stelle keine Fluchtwege für die Menschen gibt. Das erfüllt den Tatbestand des Vorsatzes, in diesem Fall vorsätzliche Körperverletzung und vorsätzliche Tötung. Alle an der Planung beteiligten müssen diesbezüglich verurteilt werden.

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Woran soll in Duisburg nicht gespart werden?
82 Millionen Euro soll Duisburg sparen. Das bedeutet viele Einschnitte im städtischen Leben. Welche der Sparmaßnahmen/Erhöhungen sollte Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden? Die Zahl in den Klammern ist übrigens die Haushaltsentlastung, die sich die Stadt dadurch erhofft.

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