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Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet

24.08.2010 | 17:17 Uhr
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
Foto: Dirk Bauer / WAZ FotoPool

Duisburg.Sie wollte „nur mal die Stimmung auf der Loveparade erleben“, erinnert sich die Duisburgerin Monika Tietz. Doch dann entkam sie nur knapp dem Unglück. Einen Monat danach erzählt die Künstlerin, wie sehr sie die Tragödie bewegt.

Techno hört Monika Tietz selten, zur Raver-Szene gehört sie schon gar nicht. Trotzdem wollte die 52- jährige Duisburgerin vor einem Monat auf die Loveparade. Die Stimmung aufsaugen, einfach erleben, wie die Massen zu den dröhnenden Beats feiern. Doch es kam anders. Nur knapp entgingen Monika Tietz und ihr Ehemann dem Unglück. Sie waren auf der Rampe zum Festival-Gelände, auf der 21 Menschen ihr Leben ließen, und kamen nicht mehr vorwärts.

Eigentlich wollten sie gar nicht bis auf das Gelände gehen, sondern nur das Treiben in der Stadt beobachten, erinnert sich Monika Tietz einen Monat nach dem Unglück. Doch dann ist es gar nicht so voll, wie sie erwartet hatten. Kurzerhand entschließen sie sich, doch bis zu den Floats zu gehen. Im Karl-Lehr-Tunnel sind zwar viele Leute unterwegs, aber eng wird es erst auf der Rampe: „Wir kamen nicht mehr vorwärts. Die Menge staute sich die Rampe hinunter.“ Auf der Hälfte der Strecke blieben alle Besucher plötzlich stehen. Dicht an dicht.

Kurz bevor es richtig voll auf der Rampe wird, drehen Monika Tietz und ihre Mann um.

Im oberen Teil der Rampe klettern einige Raver über die Absperrung, während andere an den Zäunen wackeln. „Ich habe mich gewundert, dass weder Polizei noch Ordner diese Leute daran gehindert haben. Die Zäune hätten schließlich in die Menge fallen können.“ Überhaupt habe sie in der Masse keine Ordner und Polizisten ausmachen können. Es war voll, eng, stickig, aber die Stimmung bei den Feierlaunigen ist trotzdem gut gewesen. „Niemand hat großartig gemeckert oder war sauer. Alle wollten zu den Floats und tanzen.“

Mitten auf der Rampe drehen sie um

Fotomontage für den Entwurf einer Loveparade-Gedenkstätte von Monika Tietz. Eine gläserne Vitrine soll röhrenförmig in den Himmel ragen.

Weil es zum Partygelände nicht weiter geht, beschließt das Ehepaar gegen Viertel vor fünf, sich auf den Heimweg zu machen. Mitten auf der Rampe drehen sie um, quetschen sich zum Tunnel hinunter und drängeln sich in Richtung Düsseldorfer Straße durch - den selben Weg zurück, den sie gekommen waren. „Als ich mich umgedreht habe, war die Situation nicht wiederzuerkennen“, erinnert sich Monika Tietz heute. Innerhalb kurzer Zeit, so Tietz, habe sich die Lage zugespitzt: „Von Neudorf aus drängten unglaublich viele Menschen aus dem Tunnel auf die Rampe.“ Auch auf der Düsseldorfer Straße wird es eng, statt in Richtung Hauptbahnhof werden die beiden von der Polizei über Hochfeld geschickt und stranden schließlich am Dellplatz. Noch während das Ehepaar auf dem Weg ist, kommt es an der Rampe zur Katastrophe. Wo Tietz vor Minuten umgekehrt war, kämpften Menschen verzweifelt um ihr Leben.

Doch davon bekommt das Ehepaar nichts mit. Erst als Monika Tietz im Café Movie am Duisburger Filmforum Getränke holt, liest sie im Fernseher im Lauftext von der Tragödie. „Zehn Tote. Ich war total überrascht“, sagt Tietz. Mit ihrem Mann überlegt sie, wo es passiert sei könnte. „Wir dachten, dass die Menschen an den Floats ums Lebens gekommen seien. Denn in dieser Richtung war es ja zuerst voll.“

Auf die Idee, dass sich die Tragödie an der Rampe abgespielt hat, kommen die Duisburger gar nicht. „Den ganzen Abend habe ich immer wieder Berichte im Fernsehen angeschaut, um das irgendwie zu verstehen.“ Doch so ganz gelingt es ihr nicht. Erst als sie am Montag in den Tunnel geht.

Dort begreift sie, dass sie genau an der Stelle war, wo es passierte. Auf der Rampe. Nur wenige Minuten vor der Katastrophe. 21 Menschen starben dort, wo sie eben selbst noch auf ein Weiterkommen wartete. Monika Tietz ist der Massenpanik nur knapp entgangen. Ergriffen von den Hunderten Kerzen und Blumen keimt in der Malerin und Grafik-Designerin eine Idee: Sie müsse irgendetwas tun, damit die Rampe ein Ort der Trauer bleibt. Damit dieses überwältigende Gefühl angesichts der Trauergaben am Unglücksort bleibt. Damit die Erinnerungen nicht verblassen.

Ort der Stille und Besinnlichkeit

Vorschlag von Monika Tietz für eine Gedenkstätte der Loveparade-Opfer. Wie ein Turm soll die rote Röhre in den Himmelragen. Fotomontage: Monika Tietz

„Ich habe mich gleich daran gesetzt und eine Art Gedenkstätte entworfen“, sagt Tietz. „Auch als Verarbeitung der Geschehnisse für mich.“ Ihre Idee: eine mindestens 15 Meter hohe senkrechte Röhre aus Glas und Stahl, die von innen begehbar ist. Die hohlen Glaswände sollen mit den unzähligen Trauerkerzen gefüllt werden. „Dieser Ort soll die Beklemmung, die Platzangst im Tunnel erlebbar machen. Und gleichzeitig ein Ort der Stille und Besinnlichkeit sein.“ Die Röhre soll oben offen sein, so dass der Himmel zu sehen ist. Jeweils nur eine Person soll sich in der Gedenkstätte aufhalten können, auf Augenhöhe will Tietz auf 21 Tafeln die Namen der Opfer schreiben.

Spezial zur Loveparade 2010
Loveparade und OB-Abwahl

Artikel, Fotos, Videos und ausgewählte Beiträge zur Loveparade in Duisburg und den Folgen – etwa zur Abwahl von Adolf Sauerland als OB und dem politischen Neuanfang in Duisburg – finden Sie auf unseren fünf Spezialseiten.

Ihre Idee hat sie in der Woche nach dem Unglück zahlreichen Personen und Institutionen in Duisburg vorgeschlagen, auch der Stadt – noch bevor es den Bürgerkreis Gedenken gab. Rückmeldung gab es nur wenig. „In der Zeitung habe ich dann gelesen, dass es einen gläsernen Gedenkkubus geben soll, in dem die Trauergaben aufbewahrt werden. Eine Idee, die meinem Entwurf sehr ähnlich sieht“, stellt Monika Tietz traurig fest. Ein wenig resigniert hat sie deshalb in ihrer Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen. „An die entscheidenden Leute kommt man nicht ran.“ Man sei nie direkt auf ihre Vorschläge eingegangen, habe nie mit ihr gesprochen, sie nie eingeladen. Nur von den Kirchen und den Entsorgungsbetrieben bekam sie eine Zusicherung, dass die abgebrannten, roten Kerzenhalter aus dem Tunnel und von der Trauerfeier aufbewahrt werden.

„Ich will nur helfen“

Ins Rampenlicht will Monika Tietz nicht mit ihrem Entwurf. „Ich will nur helfen. Ich kann nicht verstehen, warum ein Wettbewerb für eine Gedenkstätte ausgeschrieben werden soll. Ums Geld darf es nicht gehen. Mit so etwas darf keiner Geld verdienen. Es geht nur um eine würdige Erinnerung.“ Ihre Idee versteht sie als Spende – und hofft, dass Unternehmen das Material für die Gedenkstätte spenden.

Simon Wiggen

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Kommentare
26.08.2010
15:58
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von Buerger | #25

Mit Wertschätzung und Würdigung könnte man sehr viel weiter kommen als mit Unterstellungen und destruktiver Kritik aus Mangel an eigener Kreativität.

Viele Reaktionen hier sind ein schönes Beispiel für gesellschaftliches Fehlverhalten. Jeder sollte mal über solches Verhalten an sich nachdenken - vielleicht ist meins hier auch nicht richtig...

25.08.2010
15:49
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von Betroffene | #24

#20 von Tom009

Warum gehen Sie denn auf die Berichte über die Loveparade wenn Sie alles längst aufregt.
Mir scheint, Sie sind sensationslüstern und lesen trotz ihrer Abneigung zu dem Thema aufmerksam alle Artikel.
Lassen Sie es einfach und klicken nur noch den Sport an.
Dann brauchen Sie sich nicht mehr ärgern.
Es gibt aber Leute, die durch diese Diskussionen hier die Erinnerungen an das Geschehene besser verarbeiten können.
Dieses Unglück bleibt Jahrzehnte an Duisburg haften und wir Bürger müssen damit auch zukünftig umgehen.
Jeder, der etwas Mitgefühl und Menschlichkeit verinnerlicht, geht verständnisvoll mit der Katastrophe und den Betroffenen um.

25.08.2010
14:29
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von anni2010 | #23

Ich bin auch der Meinung, dass längst klar ist, wer den Auftrag erhält und das man nur so tut als ob es eine offizizielle (ich hoffe non profit!) Ausschreibung gäbe.

Der/Die Kuenstler/in wikrd jemand sein, der/die den Buergerlich Liberalen nahe steht. Diese Partei ist, fuer die, die es nicht wissen sollten aus dem Lager REP-DVU-BU-NPD-PRO NRW
(und die sind nicht nur gegen die Moshee, sondern gegen alle/s und jede/n, vor allem gegen die Demokratie (Volksherrschaft)

Mehr politische Bildung fuer Duisburg!

25.08.2010
14:23
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von anni2010 | #22

Das Anliegen von Frau Tietz haben leider nicht alle verstanden.

Sie möchte keinen Profit daraus ziehen
es ist ein Mittel fuer sie das Geschehen zu verabeiten
sie versteht nicht, warum niemand, auch Herr Jannsen nicht, auf ihren Vorschlag reagiert, wobei eine Ablehnung oder die Mitteilung, dass man noch warten wolle auch Reaktionen wären
Frau Tietz hat einen wirkungsvollen, dem Ort und dem Geschehen, vor allem kostenguenstigen Vorschlag gemacht

ich empfehle aufmerksamer zu lesen und nicht in alle menschen schlechtes hinein zu interpretieren.
tun sie das besser bei jenen, die es verdienen und mit denen man derzeit zu milde verfährt.

25.08.2010
14:18
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von anni2010 | #21

Richtig, Monika Tietz, eine offizielle Ausschreibung als Projekt (perv......weise gar als Ruhr2010-Projekt) stellt einen zusätzlichen Skandal dar!

Auch heißt es, dass der geplante Kubus, von dem unbekannt ist wie groß dieser eigentlich sein wird und ob alle Relikte ueberhaupt hineinpassen und in welcher Form sie dort präsentiert werden könne,
auf einer Wiese am Tunnel platziert werden solle,
was ja nur die kleine Wiese, versteckt hinter Bueschen und hecken gemeint sein kann. Dies aber stellt keinen wuerdevollen Erinnerungs-, Trauer- und Mahnort dar, Herr Janssen u.a.!

Es kann nur, wie Monika Tietz feststellt an der Rampe sein und ihre Idee ist absolut hervorragend.

Nur sollte man bei einem Objekt beachten, dass es aus Panzerglas sein muss, denn erste Stimmen sprachen schon von Schuessen!

P.S. Meine Idee ist ähnlich: ein Herz aus Panzerglas auf einer Stele aus Stahl gefuellt mit den roten Grab- bzw. Trauerkerzen. In Gedenken an die Love Parade. Aber die Röhre ist eine noch bessere Lösung in Anbetracht des Erlebnisses Tunnel.

25.08.2010
14:16
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von Tom009 | #20

Wieviele Gedenktafeln wurden denn für die Verkehrstoten bis jetzt in duisburg aufgestellt????

Keine einzige.

Warum nicht?????

also was soll das mit dem Mahnmal.
Leute kommt mal wieder runter und lebt mal wieder.

und immer diese argumentationen das viele nicht auf das gelände kamen und konnten.

ja verdammt nochmal wenn es ordendlich zugegangen wäre-ohne schubsen und drängeln wäre dies wahrscheinlich nicht passiert.

aber da es ja immer idioten gibt denen es nicht schnell genug geht wird gedrängelt was das zeug hält.
nach dem mottonach mir die sinnflut.

wie gesagt

langsam reicht es.

25.08.2010
11:12
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von Vasa49 | #19

Ich habe die selbe Erfahrung gemacht, wie Frau Tietz.
War also an dem Tag auch dort und habe nen Vorschlag zur Stele gemacht. Habe auch keinerlei Rückmeldung bekommen.
Noch nicht mal ne bestätigung, das mein Vorschlag eingegangen sei.
Aber ich geh da nich mit der Brechstange ran. Wenn die sich so doof verhalten, dieser Bürgerkreis der keiner ist, sind se selber schuld!
Wahrscheinlich ist schon längst klar, wer diese Ausschreibung gewinnt.
Schade, aber was hätte man erwarten sollen.
War doch eigenlich klar.

25.08.2010
10:40
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von derhamburger | #18

Ins Rampenlicht will Monika Tietz nicht mit ihrem Entwurf.
wiso dann dieser artikel?

25.08.2010
09:47
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von duisburgson | #17

Wenn ich den Artikel richtig deute, hat sich eine Augenzeugin gemeldet, die schildert, dass der Zugang zum Festivalgelände im Bereich der oberen Rampe zum Zeitpunkt des Unglücks, dicht war. Das der Zugang aus Hochfeld zum Karl-Lehr-Tunnel abgesperrt war, und dass die Besucher aus Richtung Neudorf in den Tunnel und auf die Rampe strömten. Gibt es keine Augenzeugen, die beobachtet haben, was an der Absperrung in Neudorf los war?

Es ist schon ein Skandal, dass die Organisatoren die Menschen nach Duisburg eingeladen haben, zu kommen, obwohl sie wussten, dass viele Besucher der Veranstaltung aus Platzgründen gar nicht beiwohnen konnten und nach dem Motto verfahren wurde, wer zuerst kommt, malt zuerst. Die anderen sollten selbst sehen, was sie nach ihrer Anreise machen sollten.

25.08.2010
09:44
Wie eine Künstlerin die Tragödie verarbeitet
von Aufklaerung statt Vorverurteilung | #16

@ #14 Betroffene

Ihre Bitte mich selbst zu zensieren kann ich nur mit einem müden Lächeln quittieren!

Ich werde auch weiterhin meine Meinung vertreten, egal ob Leute wie Sie andere Ansichten ertragen können oder nicht!!!

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Woran soll in Duisburg nicht gespart werden?
82 Millionen Euro soll Duisburg sparen. Das bedeutet viele Einschnitte im städtischen Leben. Welche der Sparmaßnahmen/Erhöhungen sollte Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden? Die Zahl in den Klammern ist übrigens die Haushaltsentlastung, die sich die Stadt dadurch erhofft.

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