Wenn das Gotteshaus zur Höllen-Autobahn wird

Mitspieler aus neun Nationen und aus 26 Städten des Ruhrgebiets vereint dieses Rockorchester auf sich, in der großen Besetzung hat das Ensemble 32 Musiker. So schlussfolgert dessen Leiter Hans von der Forst: „Da ist es nur konsequent, dass wir in den letzten Jahren öfter beim „Tag der Deutschen Einheit“, veranstaltet von der Staatskanzlei NRW, spielen durften.“ Seit 15 Jahren zieht das Rockorchester Ruhrgebeat (ROR) durch die Lande – und gerade Kirchen scheinen es ihm angetan zu haben, daher wohl auch das aktuelle Programm „Glockenrock“.

In die Rheinhauser Erlöserkirche zogen die jungen Musiker mit Soutanen, die Sängerinnen hatten sich ein Nonnenkostüm übergestülpt, denn der erste Song war „Like a prayer“ von Madonna. Schön arrangierte Chorsätze unterstrichen den Sologesang von Julia Kott aus Bochum – sie durfte als erstes einen Solopart innerhalb eines Welthits übernehmen, später bekamen dann alle ihre acht Mitstreiter aus dem Chor das Frontmikro in die Hand gedrückt und jeder durfte mal Weltstar.

Bei „Radar Love“ von Golden Earring hatten die 16 Musiker dann ihr Publikum endlich soweit, dass es aufstand und mit klatschte. Fein abgestimmte Licks des Gitarristen Paul Neumann bildeten die Gegenparts zum Saxofonspiel des Duisburgers Klaus Dapper, der sich oben auf der Kanzel positioniert hatte und seine Solos über die Köpfe des Orchesters ins Publikum schmetterte.

Hätte man den großen Schlaks Christian Müller-Epey hinter das Klavier gesetzt, der auch noch charmant in der Moderation durchs Programm führte, wäre die Erinnerung an Udo Jürgens perfekt gewesen: Mit dunklem Halstuch unter weißem Hemd und frisch gescheitelt, arbeitete er später sehr gezielt an der Reinkarnation des Ende letzten Jahres verstorbenen Österreichers mit einem Medley von „Aber bitte mit Sahne“, „Ehrenwertes Haus“ und natürlich „Mit 66 Jahren“, wobei das Publikum wieder in seinem Element war und schwofte.

Von Joe Cocker bis AC/DC

Man merkte den jungen Musikern ihre Spielfreude an. Seine volle, aufwühlende Blues-Stimme brachte Michael Kochanski ein, den man schon den „Joe Cocker des Ruhrgebeats“ nennt, und es brauchte nur eines wibbeligen Händezuckens und einer halbstarren Körperhaltung und schon war die Erinnerung an den verstorbenen Woodstock-Star da. Und Moderator Christian Müller-Epey konnte seinen Blick nicht oft genug an die Kirchendecke richten, um sich bei höheren Instanzen für diese schönen Melodien, wie jetzt zu „Unchain my heart“, zu bedanken. So blieb auch sein Blick beim „Queen Medley“ in die Höhe gepeilt, angefangen mit dem Chorsatz zu „Bohemian Rhapsody“ nahm das Orchester richtig Fahrt auf, über „Don’t stop me now“ zum finalen Chor von „Somebody to love“, den die acht Sänger gewaltig intonierten. Im Schlussteil gab es dann noch „Highway to Hell“ von AC/DC – für eine Veranstaltung in der Kirche eher unüblich. Was solls: das Publikum und der Küster wippten fleißig in den Knien.