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Schlager

Träumen und ein wenig weinen

04.11.2012 | 23:00 Uhr
Träumen und ein wenig weinen
Jubiläumskonzert von Bernhard Brink in der Rheinhausenhalle.Foto: Lars Fröhlich

850 Fans tankten beim Konzert von Bernhard Brink und Claudia Jung jede Menge Gefühle. Schlagersänger feierte in der Rheinhausen-Halle ein dreifaches Jubiläum

Heute Abend wird abgeschaltet. Der Stress, der Frust, die viele Arbeit, das wenige Geld, die menschliche Enttäuschungen, das miese Wetter, der graue November-Alltag - alles das hat heute keine Chance, bleibt einfach draußen. Drinnen, in der fast ausverkauften Rheinhausen-Halle, lassen die rund 850 Fans von Bernhard Brink und Claudia Jung ihren Gefühlen freien Lauf. Ihre Lieder lassen die Menschen alles vergessen. Zweieinhalb Stunden klatschen, tanzen, träumen, lachen sie, weinen auch ein wenig. Das ist nicht nur legitim, es ist okay. Denn die Schlagerstars da oben auf der Bühne machen einen guten Job. Und alle sind begeistert...

Die große Liebe

Die Melodien von Bernhard und Claudia gehen ins Ohr, ihre Texte sind eingängig, aber keineswegs einfältig. Natürlich geht es immer um die große, die flüchtige oder die flüchtende Liebe, um Verlassen und Verlassen werden, in allen Variationen. Worum sonst? - Im deutschen Schlager drehte sich immer alles um die Liebe. Wer nach noch mehr Sinn im Leben sucht, kann ja in die Kirche oder Moschee gehen, die großen Philosophen studieren. Also: Was soll`s? Heute werden Gefühle getankt. Nicht mehr und nicht weniger. Und Bernhard Brink und Claudia Jung geben reichlich.

Sie geben alles. Beide präsentieren sich in Bestform. Brink feiert gerade gleich drei Jubiläen - 40 Jahre Bühne, 25 Jahre Ehe und 60 Jahre Bernhard Brink. Der Wahlberliner ist ein Dauerbrenner am deutschen Schlagerhimmel. Zwar hat Brink nie die großen Nummer-Eins in der Hitparade gelandet. Aber der große, blonde Hüne ist unverwüstlich, eine Kämpfernatur, ein echter Profi, der schon viele Höhen und Tiefen des Showgeschäfts erlebt hat. Mit seiner tiefen, rauen, markanten Männerstimme intoniert Brink im schwarzen Anzug, wie immer lässig das Hemd aus der Hose, kraftvoll ein rockiges Medley mit Hits der 1960er und 1970er Jahre: „Pretty Woman“, „I`m a believer“, Words“, „Without you“, „Please Mr. Postman“ Dann singt Brink von seinem neuen Album „Wie weit willst du gehen?“ das Titelstück und „Immer wieder mit Dir“. Gerade bei den eigenen Liedern zeigt sich die Qualität des Entertainers: Sie sind authentisch, klar, geradeaus, ohne Umwege auf den Punkt, so wie er. Regina Meyer aus Rheinhausen und Angelas und Tork, extra spontan aus Lübeck angereist, sind sich einig: „Der ganze Typ ist toll! Der Mann hat Ausstrahlung!“ „Brinki“ lässt seinen Charme spielen, moderiert witzig bis selbstironisch, tanzt schwungvoll. Als er seine größten Hits zum Besten gibt, tobt der Saal: Die Leute stehen auf, die Reihen schunkeln bewegt, Glühstäbe glimmen im Halbdunkel. „Erst willst Du mich, dann willst Du nicht“, „Gefangene Engel“, „Du gehst fort“, „Alles auf Sieg“ „Die Zeit heilt keine Wunden“, „Domenica“, „Caipirinha“, „Blondes Wunder, „Feuer im Herzen“ und „Ich wär so gern wie Du“. Eine Zuschauerin reicht Brink eine rote Rose hinauf.

Claudia Jung ist selbst ein Stern am Schlagerhimmel. Sie begleitet Brink bei elf der 20 Auftritte seiner Jubiläumstournee. Die gebürtige Ratingerin, die seit 2000 mit Mann und Tochter auf einem Bauernhof in Bayern wohnt, hat in Rheinhausen ein Heimspiel. Die attraktive, 48-jährige Rheinländerin mit der platinblonden Kurzhaarfrisur präsentiert im glitzerenden „kleinen Schwarzen“ einen musikalischen Streifzug durch ihre 27 Jahre lange Schlagerkarriere. Mit Leidenschaft und Leichtigkeit singt sie ihre Hits wie „Atemlos“ und „Tanz mit mir ein letztes Mal“, auch leicht ironische Titel wie „Mein Plan für`s nächste Leben“, „Göttergatte“ oder „Im falschen Film“ und das romantische „Je t`aime mon amour“. Mit viel Esprit, Charme und dezenter Erotik weckt Claudia im Publikum stille Sehnsüchte. Ausdrucksstark singt sie über die reine, heftige, leidenschaftliche Liebe, auch - in ihren Balladen - über ihre Nacht- und Schattenseiten. Die Melodien ihrer Songs schmeicheln sich in die Seele der Zuhörer. Dabei wirkt die Balladen-Queen der 1990er stets ehrlich, authentisch und natürlich. Und sie spricht viel mit dem Publikum - so wie Bernhard Brink, mit dem sie ein Duett singt.

Beide sind nach langen Jahren auf der Bühne gereift. Das gilt auch für ihre Songs, einer eigenständigen Mischung aus Rock, Pop und Schlager, mit viel Herz, aber wenig Schmalz. Zumal die exzellente, klar und präzise spielende Begleitband mit harten Riffs, treibenden Rhythmen und ausgeklügelten Gitarrensoli und Arrangements rockige Akzente setzt. Der Schlager hat sich mit seinem Publikum gewandelt – und ist moderner geworden.

Von Martin Krampitz



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