Spurensuche nach Werksbibliothek
09.07.2009 | 16:40 Uhr 2009-07-09T16:40:00+0200Dorothea Schmitz und ihre Tochter Renate forschen nach Dokumentationen und plauderten jetzt mit ehemaligen Kolleginnen
Die vier Damen sitzen an der Kaffeetafel mit leckerem Kuchen, haben jede Menge zu erzählen und sind fröhlich. Ein so genanntes wöchentliches Kaffeekränzchen ist es nicht, zu dem sich Dorothea Escher, Irmgard Musolf und Frederike Kallmeyer im Wohnzimmer von Dorothea Schmitz im Hause Reichsstraße 30 in Friemersheim getroffen haben. Die meisten der vier Seniorinnen sehen sich nach 50 Jahren wieder. Zusammen gearbeitet haben sie einmal in einer Einrichtung, die in Rheinhausen längst Geschichte ist, aber gerade älteren Bewohnern unvergesslich sein dürfte: die Werksbibliothek Hüttenwerk Krupp Rheinhausen.
Gastgeberin Dorothea Schmitz arbeitete in dieser Bibliothek von 1952 bis 1961, nachdem sie in Köln die dreijährige Ausbildung zur Bibliothekarin absolviert hatte. Die gleiche Ausbildung machten auch Dorothea Escher (in Hamburg) und Frederike Kallmeyer (in Rostock, Berlin und Köln). Irmgard Musolf lernte damals zunächst den Beruf der Verkäuferin und fand in der Werksbibliothek eine Anstellung als Bibliotheksangestellte, arbeitete sich konsequent und engagiert in die Materie ein.
Bibliothek mit Lesesaal
Die Werksbibliothek wurde 1907 von Alfred Krupp gegründet. Eine Holzbaracke entstand als Bücherhalle auf dem Werksgelände an der Atroper Straße. Ähnliches hatte seinerzeit der Werkschef in den Vereinigten Staaten entdeckt. Und wie er viele Wohnhäuser für seine Beschäftigten baute, wollte er ihnen eben auch ein Bildungsangebot unterbreiten. 1937 zog die Bibliothek in das damalige Schlaf- und Speisehaus an der Friedrich-Alfred-Straße, nahe dem Tor 1 um und hatte, wie die Damen schwärmen, „einen tollen Lesesaal”. Das Haus steht heute noch. Von 1948 bis 1956 fand die Bibliothek ihr Domizil im nicht weit vom Werk entfernten Hochbunker.
Und an diese Zeit erinnern sich die Bibliothekarinnen noch bestens. Inzwischen war der Buchbestand von 10 000 (seit 1914) auf 24 000 Bücher (1951) angestiegen. Sogar eine Jugendbibliothek gab es. Und die Damen wussten sehr genau, wo jedes einzelne Werk stand, welches verliehen war. In Kleinarbeit hatten sie einen Zettel-Katalog, wie es damals hieß, aufgebaut. Fein säuberlich waren in unzähligen Kästchen kleine Kärtchen, alphabetisch und nach Stichwortverzeichnis sortiert, untergebracht. Akribisch war alles Wichtige eingetragen – mit der so genannten „Ackermannschen Handschrift”, weil für jeden lesbar. Während ihrer Ausbildung mussten die Damen diese spezielle Schrift, benannt nach dem Bibliothekar Ackermann, der sie kreiert hatte, lernen.
Dank des Katalogs waren die Bibliothekarinnen in der Lage, jedem Interessierten das von ihm gewünschte Buch aus dem Regal zu holen. Selbstbedienung war damals noch nicht in. An einer Theke wurden die Leser bedient. Und bei Schichtwechsel standen dann schon mal 20 Leute Schlange.
Richtig modern mit Lesesaal war der dritte Standort der Werksbibliothek gestaltet. 1956 zog sie in das Musikerviertel, eine Neubausiedlung an der Friedrich-Alfred-Straße ein. In Parterre und in einem Untergeschoss waren die Bücher untergebracht. Hier konnte der geneigte Leser seine Lektüre dann auch schon selbst in den Regalen aussuchen, gleichwohl die Bibliothekarinnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite standen.
„Mit der Gründung der Werksbibliothek 1907 war eine der modernsten Büchereien des Landes geschaffen worden. Sie bot ein niederschwelliges Angebot für alle”, weiß Dorothea Schmitz. Lange, bevor es die heutige Stadtbibliothek gab, hatten die Rheinhauser also eine Möglichkeit, sich mit Lektüre zu versorgen.
Doch wer erinnert sich noch an diese Werksbibliothek, gibt es Bilder oder andere Dokumentationen und vor allem „Wo sind die Bücher geblieben?” Denn, als das Krupp-Werk in Rheinhausen dem Erdboden gleich gemacht wurde, verschwand auch die Bibliothek. Gras und Büsche wachsen heute auf dem letzten Standort.
Suche im Internet
Dorothea Schmitz setzte sich zum Ziel, die verfügbaren Zeugnisse zusammenzutragen und Zeitzeugen zu suchen. Eine Mitstreiterin fand sie in ihrer Tochter Renate Schmitz-Gebel, die den Part der Internetsuche übernahm. Darüber und über das Telefonbuch stießen sie auf die ehemaligen Kolleginnen Dorothea Escher (76 Jahre) und Irmgard Musolf (74 Jahre). Mit Frederike Kallmeyer (81 Jahre) ist Dorothea Schmitz seit Jahren befreundet.
Mittlerweile haben Renate Schmitz-Gebel und ihre Mutter schon einige alte Bilder und Schriftstücke der Bibliothek gefunden. Sie planen jetzt eine Ausstellung in der Bezirksbibliothek Rheinhausen und suchen deshalb immer noch Dokumentationen dieser Zeit. Gerne würden die beiden Damen auch mit ehemaligen Lesern sprechen, um ihre Veröffentlichung komplettieren zu können. Und wo sind nun die Bücher geblieben? Auf Anfrage der Redaktion forscht das Historische Archiv Krupp in Essen nach den Werken.
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