Niemand blieb unbehandelt

Foto: WAZ

Was machen, wenn es mal nicht so richtig läuft in der Beziehung? Man kann eine Auszeit nehmen – oder es mal mit einer Paartherapie bei einem Psychotherapeuten versuchen. Wenn dieser dann noch Dr. Rüdiger Leid heißt, ist das, was sein Nachname verheißt, schon programmiert in dem Theaterstück „Unbehandelt“. Doch keiner der mehr als 700 Zuschauer konnte sich so „vernachlässigt“ fühlen bei diesem musikalischen Streifzug durch die vergangene Pop-Kultur der 80er-und 90er-Jahre: Für jeden Geschmack war ein Titel dabei, der dann von Live-Musikern mit Gitarre und Keyboards angestimmt und von den Schauspielern polyphon, ja fast wie in einem Musical, gesungen wurde.

Die Beziehung der Akteure auf der Bühne war allerdings etwas diffus: Ein hoch neurotischer Psychotherapeut Dr. Rüdiger Leid, sehr egoman verkörpert von Rüdiger Rudolph, bekommt es in seinem Tanztherapie-Seminar am Wochenende ebenfalls mit schwierigen Fällen voll von psychosozialen Auffälligkeiten zu tun. Da ist einmal Wolfgang, (so kalt wie das Bühnenbild mit seinen faden Neonröhren agiert Heiko Senst in dieser Rolle), der nun mal keine Gefühle zulassen und zeigen kann, und seine rothaarige Frau Vera, sehr impulsiv emotional verkörpert von Heike Trinker, die als Yoga-Lehrerin am liebsten in einem Meer von Emotionen baden möchte.

Konflikte ufern aus

Die anderen Teilnehmer sind die blonde Gabi (Anne Keßler), die nicht richtig weiß, was sie will, ob es lieber ein Macho oder ein Romantiker sein soll, und ihr Mann Frank, der eigentlich nur authentisch sein kann. „Ich mag aber keinen Mann, der nach dem Sex weint“, sagt Gabi über ihren Partner – und so ufern unterschwellige Konflikte langsam aus. Zumal der Psychotherapeut darauf drängt: „Kehrt euer Innerstes nach Außen, lasst euren Gefühlen freien Lauf, schreit es heraus!“ befiehlt er der kleinen Runde, die anfangs noch in Hufeisenform sitzt. Doch nach seinem Kommando tanzen die Schauspieler wild durcheinander, spätestens nach dem Titel „Major Tom – Völlig Losgelöst“ im Original von Peter Schilling, ist keiner mehr, der er vorher war, die Schauspieler schweben durcheinander als wären sie auf der ISS. Dann erklärt Wolfgang seiner Vera in windigen Tanzschritten, dass er mehr Sex braucht, und beide liegen bei dem ominösen Titel „Out of the dark“, der von Falco im Original gesungen wurde, in eindeutiger Pose aufeinander.

Der Therapieansatz des durchgedrehten Psychotherapeuten greift am Ende: Alle Teilnehmer landen irgendwann in ihrer frühkindlichen Phase und erzählen über gestörte Mutter-Vater-Konstellationen – und dass obwohl Dr. Rüdiger Leid in einem ironischen Song seine Lehre über die von C.G. Jung oder Sigmund Freud erhoben hat. Am Schluss des Stücks gibt es ein geballtes Neue Deutsche Welle -Feuerwerk: Titel wie „Dicke“, „Ich will Spaß“ „Goldene Reiter“, bis hin zu „It’s a man’s man’s world“ und „Everybody needs somebody to love“ reißen das Publikum emotional mit.

Unklar bleibt allerdings, inwiefern die zu behandelnden Akteure von diesem mysteriösen Dr Leid geheilt worden sind – das Publikum jedenfalls war geläutert ob der musikalischen Vielfalt, applaudierte lange und forderte eine Zugabe.