Mit den „Landratten” zur Schule gegangen
15.11.2009 | 18:11 Uhr 2009-11-15T18:11:00+0100
Homberg. Wenn die Eltern wochenlang unterwegs waren, wohnten die Kinder in dem Haus am Rheinufer. Nach 55 Jahren trafen sich jetzt die ehemaligen Bewohner des Homberger Schifferkinderheims wieder: „Wir haben uns wohl gefühlt”.
Draußen schieben sich die Schiffe durch die Wellen des Stroms. Drinnen, im Haus Gerdt, zwischen Baerl und Homberg, ist es wieder ein wenig wie vor 55 Jahren. In der Gaststätte direkt am Rhein trafen sich 20 Frauen und Männer, die vor mehr als einem halben Jahrhundert gemeinsam im Schifferkinderheim in Homberg lebten.
Während ihre Eltern Wochen und Monate kreuz und quer auf Rhein und Ruhr, Elbe und Weser, Main und Donau unterwegs waren, wohnten, lernten und spielten ihre 120 Kinder im Schifferkinderheim an der Dammstraße. Von 1949 bis 1954 verlebten die Mädchen und Jungen einen Teil ihrer Kindheit in dem Altbau am Homberger Hafen.
„Es herrschten Zucht und Ordnung”
Karin Bormann (70), die ihre Mitbewohner zum Jubiläum wieder aus halb Deutschland zusammengetrommelt hatte, erinnert sich: „Wir waren auf drei Etagen in Zimmern mit drei, vier oder sieben Betten untergebracht. Die meisten von uns waren damals im Grundschulalter, sechs bis zehn Jahre alt. Wir besuchten die Volksschule an der Feldstraße, gemeinsam mit den Landratten, den Kindern, deren Eltern nicht Binnenschiffer waren.”
Morgens beim Frühstück gab es Butterbrote, mittags ein warmes Essen. „Danach machten wir unter Aufsicht unserer Erzieherinnen unsere Hausaufgaben.”
Auf dem Hof hinter dem Kinderheim gab es einen kleinen Spielplatz, bei gutem Wetter durften die Mädchen und Jungen gruppenweise auch in die Rheinwiesen. Ausflüge gab es nur selten: „Einmal sind wir zur Dechenhöhle ins Sauerland gefahren.”
1954, das war die Zeit des Wirtschaftswunders. In Bonn regierten Kanzler Adenauer und sein Wirtschaftsminister Erhard, Deutschland war geteilt, wurde im Sommer aber Fußball-Weltmeister. Das brachte neues Selbstbewusstsein. Man war wieder wer.
Die Mädchen links, die Jungs rechts
Davon bekamen die Kinder zwar kaum etwas mit. Aber der Zeitgeist wehte schon durch die Räume des Schifferkinderheimes. „Es herrschten Zucht und Ordnung”, erinnert sich Karin Bormann. Beim Essen und bei den Hausaufgaben saßen Mädchen und Jungen getrennt jeweils auf einer Seite der Tische. „Wir gingen regelmäßig zum Gottesdienst in die Kirche. Und wir hatten eine ganze Menge Pflichten. Aber wir sind alle gut behandelt worden. Wir haben uns schon wohl gefühlt.”
Das größte Problem war, dass die Kinder ihre Eltern zu selten zu Gesicht bekamen. „Wenn wir Ferien hatten, an Feiertagen oder wenn die Eltern mit ihren Schiffen in Duisburg vor Anker lagen, sahen wir unsere Väter und Mütter. Entweder besuchen sie uns in Homberg oder wir konnten mit an Bord.” Besonders Einzelkinder brauchten Zeit, um sich an das Leben fernab der Eltern zu gewöhnen. Kinder mit Geschwistern im Heim hatten es da schon leichter.
Nach der gemeinsamen Zeit in Homberg zogen viele Kinder zu ihren Eltern, entweder an Bord oder in gemeinsame Wohnungen an Land.
Die Kinder aus Homberg verteilten sich in alle Himmelsrichtungen des damaligen West-Deutschlands. „Fast alle haben später einen Beruf erlernt und ausgeübt, auch die Frauen”, erinnert sich Karin Bormann, die heute in Rheinberg lebt. „Alles in allem war es eine schöne Zeit”, sagt sie über die Jahre im Schifferkinderheim in Homberg. Sonst würden sie sich wohl auch nicht immer wieder treffen, die Schifferkinder, auch jetzt noch nach 55 Jahren…
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