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Mehr als das bekannte Näseln

12.01.2012 | 18:20 Uhr
Mehr als das bekannte Näseln
Ilja Richter als „Komiker aus Leidenschaft“. Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

Keine platten Pointen sondern ein Netz fein gesponnener Heiterkeit bis ins existenziell Tragische: Die Musikrevue „Komiker aus Versehen“ erinnerte in der Glückauf-Halle an Sternstunden deutscher- Film- und Bühnengeschichte bis in die 1970er Jahre.

Im Mittelpunkt standen Laufbahn und familiäre Umstände des unvergessenen Charakterdarstellers und Komikers Theo Lingen (1903 - 1978).

Der erhielt in der Darstellung Ilja Richters (als reifer gewachsener Bühnenmime) und Gideon Rapp, der den jüngeren Lingen spielte, das Profil mit der Wiedererkennungsmerkmalen, die den fast 500 amüsierten aber zwischendurch auch nachdenklich gestimmten Besuchern einen Theaterabend der gehobenen Klasse bescherten. Richter musste sein Handwerk verstehen, hatte er als junger Mime noch selbst mit Lingen zusammen gearbeitet.

Tilmann von Blomberg schrieb die Szenen, die Tourneepremiere war am 8. Januar, nachdem das Ensemble sich ab Juli 2011 schon mehrfach im Stuttgarter Marquardt-Theater „warm“ spielen durfte. In Homberg war schon vor dem Öffnen des Vorhangs da Eis gebrochen: Die unverkennbare Stimme mit dem unvergesslichen Näseln, Markenzeichen eines Charakters,. der auch ganz andere Betonungen und Stimmfärbungen aus sich herauszulassen in der Lage war, versetzte das Publikum in anhaltende Fröhlichkeit.

Der Theodor im Fußballtor

Dann kam die Hymne, die allein Lingen schon im fußballverrückten Deutschland eine (unfreiwillige) Denkmalstellung verschafft hat: „Der Theodor im Fußballtor“ mit einem schwingenden karikierenden Fußballballett, bei dem Ballmodelle an den „rechten Kleben“ von Katharina Lange und Gideon Rapp klebten.

Wenn auf den ersten Blick Lingens Vita auch wie ein Alptraum auf einen Dramaturgen lasten mochte, ohne Skandale, ohne Drogen, ohne illegale Liebschaften, ein zweiter verschaffte Klarheit über ein Leben in der Nazi-Diktatur mit Marianne Zoff, seiner Ehefrau jüdischer Herkunft (die von Bert Brecht geschieden war). Hier wurde deutsche Geschichte lebendig: wie Gideon Rapp nacheinander den ölig glatten Theaterfürsten Gustav Gründgens, der Lingen beruflich half, darstellte und dann den im Machtapparat den für NS-Kulturfragen zuständigen Dr. Goebbels mit einer maskenhaft diktatorisch en Präzision zeichnete, zwischen Wutausbruch und gespielter Freundlichkeit, das vermittelte den Abgrund, an dem sich Lingen damals bewegte.

Er spielte übrigens auch den „Mackie Messer“ in der Brecht-Weillschen „Dreigroschenoper“ und übernahm nach dem Krieg mit Beginn des Fernsehens weitere ernste Rollen. Die Reduzierung auf das Komikeretikett, entstanden durch viele Filme mit seinem Gegenpart Hans Moser, entsprach nicht den vielseitigen Fähigkeiten dieses Schauspielers, wie eine Szene aus dem frühen Bühnenleben Lingens bewies: „Als ich noch König der Spartaner, da hatt’ Soldaten ich und Macht!“

Liebevolle Episoden

Der damals 22-Jährige spielte, mit weißer Perücke und Königskrone, den alten König Leonidas so gut, dass ihn eine neue Kollegin tatsächlich für einen erfahrenen Bühnenveteranen hielt- und sich in ihn verliebte. Die junge Frau war Marianne Zoff.

Auch durch solche kleinen aber liebevoll gemachten Episoden und Bühnensouvenirs wird einer wie Theo Lingen in der Erinnerung der Menschen weiter leben. Der Mann hat viel Freude geschenkt. Da capo!

Carl Korte

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