Ein langer Mann mit vollem Haar spielt Willi Winzig

Der Komiker Heinz Erhardt bleibt eine unvergessene Ikone in der Filmgeschichte des Nachkriegsdeutschlands der 50er- und 60er-Jahre. Eine Würdigung seiner Schauspielkunst erfuhr er jetzt in der Homberger Glückauf-Halle mit dem Theaterstück „Das hat man nun davon“, das er noch zu Lebzeiten selbst mit bearbeitet hat. Man braucht gar nicht wie er auszusehen, um ein glaubwürdiges Erhardt-Double zu sein – vielmehr sind es Gestik, Mimik und Sprachduktus, die ihn so unverwechselbar machen.

Der Essener Schauspieler Thomas Glup hat sich ihm angenähert und spricht wahrscheinlich schon im Privaten mit gedichtähnlichen Kalauern, wie es sein Vorbild so unverwechselbar konnte. „Als die Arbeit schrie, leistete ich ihr Folge“, wird somit zur Losung des Erhardt-Kopisten in der Rolle des kleinen Finanzbeamten Willi Winzig. Den Frauen gegenüber hochgradig verschüchtert, mit wippendem Gang und baumelnden Armen, wenn er sich nach vorne beugt, bringt Thomas Glup die Spielweise Erhardts auf den Punkt mit einer Stimme, die nah am Falsett angesetzt ist. Und das, obwohl Glup nicht untersetzt, fast zwei Meter groß ist und volles Haar hat – nicht nur seine Kasten-Hornbrille, die wohl noch aus der Original-Sammlung von Erhardts Enkeln stammt, macht die Reinkarnation dieses Schauspielers möglich.

So entwickelt sich eine turbulente Komödie mit einem Oppositionellem im Steuersystem – und das zu Wirtschaftswunderzeiten. In der Filmsequenz vor dem geistigen Auge ahnen die 500 Zuschauer, wie Winzig mit einem kleinen VW-Käfer zu seinem Arbeitsplatz fährt, auf dem sich die Akten türmen. Nur, Winzig erlässt notleidenden Müttern ihre Steuerschulden, ohne dass es seine Vorgesetzten wissen. Als sein Einsatz -- im Grunde für ein gerechtes Steuersystem - auffliegt, soll Winzig zwangspensioniert werden – kurz vor seiner rechtmäßigen Pension.

500 begeisterte Gäste in Homberg

Er stellt sich darauf verrückt, stolpert aber entgegen aller Postenschacherei die Karriereleiter nach oben. „Ich habe als kleiner Schreiber in 15 Jahren 17 Finanzminister kommen und gehen sehen – mehr kommen“, sagt Winzig und wird sogar zu einem Empfang bei den Oberen eingeladen. In bester Montur entpuppt er sich „als Frack würdiges Wesen“, liefert einen an Wahnsinn grenzenden Witz nach dem anderen – brüllt in die Aufführung der Operngala sogar: „Das ist ja hier nicht mehr zum Aushalten!“

Glup versteht die Kunst der Improvisation: Als ihm Sekt gereicht wird, prustet er laut ins Publikum: „Das ist ja Sprudelwasser – hier in Homberg Sprudel statt Sekt? In Duisburg hätte ich es ja noch verstanden, aber hier...?“, witzelt er. So wird auch Erhardts Bodenständigkeit und seine menschlichen Züge durch improvisierte Einfälle seines Kopisten in die Jetzt-Zeit hinübergerettet. Schließlich wird Willi Winzig Finanzminister, weil er sich nicht von Korruption im Amtsapparat hat leiten lassen – sondern dem Herzen treu geblieben ist. Und trotz aller „Sicilium, Sicilium!“-Mahnungen aus dem Munde von Thomas Glup – am Ende tobten die Zuschauer für die gute Aufführung.