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Ein Hauch von Hochkultur

20.01.2015 | 00:12 Uhr

Gitarrenmusik – ernst und heiter: unter diesem Motto hatte Bernd Hänschke, Kantor der evangelischen Friedenskirche, nach Oestrum eingeladen. Dort hinterließen zwei sehr gute zeitgenössische Gitarristen einen beeindruckenden Abriss über Kompositionen der Moderne für ihr Instrument. Der langjährige Dozent an der Essener Folkwang-Hochschule Leonhard Beck und Ralf Bauer, selbst Komponist für Moderne Musik, bezauberten durch ihr distinguiertes Gitarrenspiel die wenigen Zuhörer.

Der inzwischen 72-jährige Leonhard Beck hatte zehn Etüden eines katalanischen Komponisten, Emilio Pujol, der 1980 im Alter von 94 Jahren starb, ausgewählt - und es entstanden zeitlos schöne Momente, weil diese Musik impressionistische Züge annahm, wie man sie vom französischen Komponisten Claude Debussy kennt. Beck erklärte mit klarer Stimme geschichtliche Zusammenhänge zu den Etüden, die ihm selbst als junger Gitarrenschüler zur Übung dienten und 1935 im Druck erschienen sind: „Die Titel sind erst im Nachlass von Pujol gefunden worden, ansonsten waren die Stücke nur nummeriert.“ Angefangen von „Zapateado“, einem Schuhtanz, arbeitete Beck mit schwierigsten Akkordauflösungen lautmalerisch die Ganztonleiter Debussys in dem Stück „Liebesgeschichte“ ab und es gab einen Anklang katalanischer Folklore bei „Goyesca“ - oder ein Hauch der verflossenen Spätromantik zog noch einmal in Tonfolgen durch „Blauer See bei Nacht“.

Aber der einstige Professor in Essen weiß: „Die Musik ist das schwierigste Instrument.“ Und so variierte er sein Gitarrenspiel: er ließ ein vertontes Gedicht seines Freundes Bernd Hänschke als „Tönendes Licht“ am geistigen Auge seiner Zuhörer durch das Halbdunkel der Oestrumer Kirche vorbeiziehen - intoniert mit dem Feingefühl, mit dem es auch der Autor komponiert hatte. Und verschiedene Sonette Shakespeares wurden durch die Kompositionen seines 2006 verstorbenen Freundes Tilo Medek, Komponist für neue Gitarrenmusik, in die Neuzeit überführt und im Sonett Nr. 12 „Zähl ich die Glocke“ ahmte Leonhard Beck sogar im Ausklang den Schlag einer Kirchenglocke nach.

Ralf Bauer könnte man ohne weiteres der „Neuen Abstruse“ als Stilrichtung zurechnen, so witzig sind seine Kompositionen und die Geschichten, die er dazu erzählt. „Wer nie in Spanien war, der ist kein Gitarrist“, behauptet Bauer eingangs seines Stücks „Ein Hörspiel – für ein bis zwei Gitarren“. Es geht da um eine fiktive Reise von Spanien ins Tangoland Argentinien, zurück nach Europa, wo er auf Findlinge trifft: „Zwei hatten ein kommunikatives Problem, der weibliche Stein redete die ganze Zeit – der männliche Teil hatte sich bereits einen getrunken, lag einfach da und schnarchte.“

Ungeahnte Tangorhythmik

Und auch die musikalische Umsetzung dieser hanebüchenen Story erfolgte genauso witzig und bekam noch ungeahnte Tangorhythmik, als Leonhard Beck ihn mit seinen Harmonien ergänzte. Ein Hauch von Hochkultur, die auch im Foyer der Folkwang-Hochschule aufgeführt werden könnte...

Stephan Sadowski

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2015-01-20 00:12
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