Ein Dorf im Aufstand
01.05.2009 | 17:36 Uhr 2009-05-01T17:36:00+0200
In Baerl wächst der Widerstand gegen das geplante Methangas-Kraftwerk. Anwohner bangen um ihren Schlaf und den Wert ihrer Häuser.
Der kleine Maximilian malt mit Kreide auf die Straße, worüber seit Monaten das ganze Dorf spricht: „Kein Mingas”. So lautet die Forderung der Bürger, einen Kompromiss gibt es für sie nicht.
Das Unternehmen Mingas will wie berichtet Methangas aus den stillgelegten Stollen abpumpen. Genau zwischen zwei Häusern will die Firma 650 Meter in die Erde bohren, das Gas abzapfen und in einem kleinen Kraftwerk, das 200 Meter weiter im Landschafts-Schutzgebiet stehen soll, zu Strom verarbeiten.
Wo Unheil vor der eigenen Haustür droht, organisieren sich die Bürger, das ist in Baerl nicht anders. Mit Veränderungen wird in dem beschaulichen Stadtteil ohnehin restriktiv verfahren, schon ein modernes Wohnhaus, das nicht ins Bild passt, stößt auf Ablehnung. Die Baerler sind in dieser Beziehung sehr eigen, sie pflegen die dörfliche Struktur und nicht zuletzt sind sie deshalb alle hergezogen.
Und mit der Zahl der Anwohner, von denen sich immer mehr in der Inititiative (www.baerler.de) zusammenfinden, wächst der Widerstand. Rund 150 Nachbarn seien es inzwischen, die sich gegen das Projekt wehren, um den Verlust ihrer Ruhe und Lebensqualität und den Wert ihrer Häuser bangen, sagt Sprecherin Alexandra Erwig.
„Wie der Bass aus einer Disko-Box”
„Die Anlage wäre hier überhaupt nicht nötig gewesen, man hätte das Gas auch von Walsum aus abpumpen können”, sagt sie. Aber dort habe man inzwischen die Wasserpumpen abgestellt, die Zeit drängt. „Doch selbst jetzt wäre es noch von anderer Stelle aus möglich, aber das ist denen offenbar zu teuer.”
Dass der Bohrungspunkt ausgerechnet in einem reinen Wohngebiet, auf der Baulücke zwischen zahlreichen Einfamilienhäusern an der Schulstraße, liegen muss, dafür hat hier keiner Verständnis. Elisabeth Achterberg zum Beispiel, deren Schlafzimmer einen Steinwurf entfernt liegt, denkt mit Schrecken an den Lärm, den der Bohrer verursacht, wenn er sich Tag und Nacht durch das Gestein frisst. Bis zu einem Jahr könnte allein die Bohrung dauern, ähnlichen Lärm befürchten die Baerler von dem 200 Meter entfernt geplanten Kleinkraftwerk, das bis zu zehn Jahre betrieben werden soll.
Die Anwohner haben sich bereits eine ähnliche Mingas-Anlage mit weniger Leistung in Bergkamen angesehen. „Die dunklen, tiefen Töne spürt man im Körper wie den Bass aus einer Diskobox”, sagt Ramona Berger. Das könne man auch mit diversen Schallschutz-Anlagen nicht verhindern, sind sich alle sicher.
Es ist aber auch das Verhalten des Unternehmens, das von einer gewissen Arroganz geprägt ist und für Unmut sorgt. An den Zaun vor dem Grundstück hatten die Anwohner ein Transparent gehängt. „Hier keine Grubengasanlage! Stopp, so nicht!”, stand darauf zu lesen. Vor zwei Wochen rückte die Polizei an, Mingas wollte das Transparent weg haben, Erwig nahm die Verantwortung auf sich und musste sich mit dem Transparent als Beweismittel fotografieren lassen.
"Hätte ich das gewusst, wäre ich nie hergezogen"
Der Nachbar, der sich unbekümmert das anliegende Haus gekauft hatte, wegen der Ruhe von Homberg nach Baerl zog und kurz darauf mit Entsetzen von den Plänen erfuhr, darf die Wiese noch nicht einmal betreten, um seine direkt angrenzende Kellerwand auszuschachten und zu isolieren. „Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich nie hierher gezogen.”
Zudem geizt Mingas mit Informationen. Nicht nur die Anwohner klagen, dass sie alles hätten mühsam recherchieren müssen. Im Januar hatte die Bezirkspolitik um einen Referenten für eine der nächsten Sitzungen gebeten, die Bitte lehnte Mingas ab. Das Unternehmen sieht sich offenbar nur der Bezirksregierung, die die Genehmigung erteilen muss, gegenüber in der Pflicht.
Ihre Chancen schätzen die Baerler dennoch als gut ein. Vor allem weil sie bezweifeln, dass Mingas die gesetzlichen Lärmschutzgrenzen einhalten kann. „Die vorgeschrieben Dezibelwerte sprechen für uns”, sagt Erwig. Und schließlich habe man es bereits geschafft, dass sich das Projekt um ein Jahr verzögert habe.
23:31
Endlich werden einige spärliche Reviergeister mit Restverstand wach!
http://www.derwesten.de/nachrichten/waz/2007/12/2/news-8148511/detail.html
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