Alle Neune purzeln virtuell
16.03.2009 | 17:39 Uhr 2009-03-16T17:39:00+0100
Senioren im Bodelschwingh-Haus haben das Kegeln neu entdeckt. Per Daumendruck wird abgeräumt. Ein überraschendes Weihnachstgeschenk macht's möglich - eine Videospiel-Konsole.
Anlauf, ausholen, Schwung, uuuuund... Alle Neune! Beim Kegelturnier im „Bodelschwingh-Haus” wird abgeräumt, gepudelt, gepunktet. Soweit nichts Besonderes, sollte man meinen. Wenn sich nicht eine Frage aufdrängte: Seit wann hat das Seniorenheim an der Mevissenstraße überhaupt eine Kegelbahn?
Hat es nämlich gar nicht. Und viele der Besucher hätten auch gar nichts davon. Das Heben der schweren Kugel oder das Anlaufnehmen mit Rollstuhl oder Rollator überforderte gerade alte Menschen in vielen Fällen körperlich. Deshalb kegeln die Bodelschwingh-Senioren virtuell.
Realistische Simulationen
Möglich macht das eine neuartige Videospiel-Konsole, bei der die Figuren nicht, wie sonst üblich, über Knöpfe oder Steuerknüppel „bewegt” werden, sondern über ein drahtloses Steuergerät mit Bewegungssensor. Der Spieler hält den Zigarettenschachtel-großen „Controller” in der Hand und gibt damit die Bewegung vor, die die Spielfigur auf dem Bildschirm ausführen soll. Das ermöglicht realistische Sport-Simulationen, etwa Tennis, Golf - oder eben Kegeln.
Die Konsole war ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk, das die Angehörigen einer verstorbenen Bewohnerin dem Heim machten - und zwar nicht als Pausenspaß für Pfleger und Zivis, sondern ganz gezielt für die Bewohner. „Und dann stand das Gerät erstmal rum, weil keiner so genau wusste, was die Senioren damit anfangen sollten”, erinnert sich Pflege-Praktikant Christian Stäcker - im Gegensatz zu seinen Schützlingen durchaus mit Computerspielen vertraut. Gemeinsam mit Altenpflege-Azubi Julian Pleines entwickelte er die Idee, den Heimbewohnern den digitalen Spaß mit einem Spiel näher zu bringen, dessen „echte” Version viele noch von früher kannten: eben Kegeln.
Nach Skepsis überwiegt Spaß
Der Probelauf im Januar ist ein voller Erfolg: Ohne Anlauf, ohne Bücken und ohne die schwere Kugel schwingen zu müssen, können die Heimbewohner nach Herzenslust draufloskegeln. Selbst im Sitzen ist das kein Problem. Auch wenn die ungewohnte Freizeitbeschäftigung zuerst ein wenig Umstellung erfordert. Denn ganz ohne Knöpfe geht es auch bei diesem Gerät nicht. „Erst drücken!” ist ein Ruf, der oft durch die virtuelle Kegelbahn im Speisesaal schallt, wenn ein Spieler vergessen hat, seinen „Avatar” nach dem Schwungholen mit dem entsprechenden Knopf zum Loslassen der Kugel aufzufordern.
„Es ist schon ungewohnt, mit den Knöpfen und so”, meint etwa Else Marchiewski. „Aber Spaß macht's!” Und das, obwohl es ihre erste Begegnung mit dem Kegelsport ist: Auf einer „richtigen” Bahn hat die 88-Jährige nach eigener Aussage noch nie gekegelt. „Aber als der Julian das Turnier vorgeschlagen hat, wollte ich das auch mal ausprobieren.”
Und nicht nur bei ihr überwiegt nach anfänglicher Skepsis der Spaß. So sehr, dass die Senioren höchstselbst beschließen: „Wir machen ein Turnier!” Das haben Pleines und Stäcker jetzt umgesetzt. An zwei Abenden war es soweit: Jeweils fünf Senioren - das Alter der Teilnehmer liegt zwischen 70 und 95 Jahren - kegelten nacheinander um Punkte; die zwei Besten aus jeder Gruppe fochten tags darauf um den Gesamtsieg. Dass der an Ingrid Klatt ging, ist fast schon Nebensache. Wichtiger ist, dass alle Beteiligten sich köstlich amüsiert haben. So köstlich, dass das nächste Turnier schon beschlossene Sache ist.
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