87 Minuten „Tothausen”
20.07.2008 | 22:00 Uhr 2008-07-20T22:00:00+0200
Fernsehgucken mit dem Werbering-Chef: Warum Karsten Vüllings der neue „Schimanski” nicht gefallen kann.
Nachdem er zuvor ein Dutzend Mal den Kopf geschüttelt hatte, holt Karsten Vüllings beim Abspann erstmal tief Luft. „Wer als Nicht-Duisburger diesen Schimanski gesehen hat und irgendwann hier auf der Autobahn das Schild Rheinhausen sieht, der wird auf jeden Fall ganz zügig vorbeifahren”, sagt er dann. „Wenn das der Versuch war, den Stahlstandort im Rückblick und das heutige Umfeld zu zeigen, dann ist das völlig in die Hose gegangen.” Verständlich, dass dem Werbering-Chef nicht schmecken kann, was die ARD gestern Abend zur besten Sendezeit Millionen von Zuschauern als Fernsehkost auftischte.
Als hätte eine Zeitmaschine das Drehteam irgendwann in den frühen Neunzigern entlassen, zeichnete die WDR-Produktion 87 Minuten lang ein düsteres Bild des Stadtteils, der zwar vor Jahren gegen die Prophezeiung von „Tothausen” ankämpfte, den Strukturwandel aber längst erfolgreich hinter sich gebracht hat.
"Wer kann, der geht. Wer bleibt, gibt auf"
Der Film jedoch spielt allein mit dem alten Klischee der apokalyptischen Aussicht: Triste Fassaden, ein ganzer Stadtteil in tiefer Depression, verloren, ohne Zukunft. Gewürzt wurde das Ganze mit passenden Zitaten. „Seit hier ein Stahlwerk nach dem anderen geschlossen hat, ist Schicht im Schacht. Wer kann, der geht. Wer bleibt, gibt auf”, sagt der ausgewanderte Hanfhändler, der später ins Gras beißt. „Die Leute hier stehen mit dem Rücken zur Wand, hier muss jeder gucken, wo er bleibt”, sagt der Rentner, der immer noch der Krupp-Schließung hinterherheult. „Arbeit? Hier gibt's doch nichts”, sagt ein Mädchen, das Drogen verkauft. Und schließlich muss sich Schimanski noch vom „richtigen” Kommissar anhören: „Du bist wie dieses Viertel. Deine Zeit ist vorbei, aber Du akzeptierst es nicht”.
„Die Autos, das Mobiliar, die Kleidung, alles wurde genauso hingebogen als wäre die Zeit hier vor 20 Jahren stehen geblieben”, sagt Vüllings. „Dass die Personen und die Handlung in einem Film fiktiv sind, das weiß jeder. Aber das Umfeld, in dem der Film spielt, wird von denen, die es nicht kennen, als real wahrgenommen.” Wenn Vüllings sich einen Krimi ansehe, der in München spielt, dann sei er schließlich auch bei jeder Außenszene in dem Glauben, dass sie in München spielt, auch wenn sie ganz woanders gedreht wurde.
Die Bedenken damals vom Tisch gewischt
Die 15. Folge aus der Schimanski-Reihe hatte schon für Ärger gesorgt, bevor überhaupt die erste Szene im Kasten war. Der Werbering-Chef gab den Anstoß zur Protestwelle aus Rheinhausen, er schrieb einen Brandbrief an den WDR, weitere Beschwerden folgten. Bezirksbürgermeisterin Katharina Gottschling könne „eine solch negative Darstellung nicht hinnehmen”, CDU-Fraktionschef Ferdi Seidelt erklärte gar, dem Drehbuchschreiber am liebsten einen Tritt in den Hintern verpassen zu wollen.
Die Empörung hatte der Ankündigungstext des WDR hervorgerufen, in dem unter anderem von einem „vom Niedergang bedrohten Ort” die Rede ist. Der WDR ruderte schnell zurück, es handele sich um ein „Missverständnis”, sagte Sprecherin Barbara Feiereis damals der Redaktion. Gemeint sei ein „ehemals” vom Niedergang bedrohter Ort, man wolle „keine alten Wunden aufreißen”. Hintergrund des Films sei der Strukturwandel, es würden auch Szenen bei modernen Betrieben wie einem Callcenter gedreht. „Der fiktive Film Schimanski spielt im modernen Duisburg”, sagte Feiereis und wischte die Bedenken damit vorerst vom Tisch.
Den Strukturwandel bewusst ausgeklammert
Hinterher ist man wie immer schlauer, die entschuldigenden Sätze stellten sich als leere Worthülsen heraus. Mit Strukturwandel hat der Streifen absolut nichts zu tun, ständig ist der alte Hochofen im Bild, der wie der Landschaftspark und die Straßenzüge im Norden als Kulisse für den Film nach Rheinhausen verlegt wurden. Qualm und Dreck bestimmen die Szenerie, auch die 15. Folge preist das Schmuddelimage, dass sich durch die gesamte Schimanski-Reihe zieht. Das Callcenter mit dem Charme der Achtziger ist ein Ausbeuterbetrieb, der Innenhafen ist für fünf Sekunden zu sehen. „Und dann auch noch aus der schlechtesten Perspektive”, sagt Vüllings.
Ein bisschen Rheinvorland mit Eisenbahnbrücke, ein bisschen Marktplatz, das sind die Orte, an denen tatsächlich in Rheinhausen gedreht wurde. Dass der Stadtteil die Krupp-Schließung erfolgreich überwunden hat, Logport als Vorzeige-Logistikstandort gilt und die Arbeitslosenquote stolze vier Prozentpunkte unter der der Gesamtstadt liegt, klammert der Film bewusst aus. Die Folge „Der Pott” aus dem Jahr 1989, der ebenfalls in Rheinhausen spielt, habe damals ein authentisches Bild vermittelt, erinnert sich Vüllings, den auch die Spannung und Handlung der neuesten Folge „nicht gerade vom Hocker gerissen” habe. „Horst Schimanski hätte sich rechtzeitig verabschieden und sich nicht mehr für so einen Mist hergeben sollen.”
12:44
Es ist schon erschreckend, wie hier von einigen Leuten in Richtung des Anderen gepöbelt, geätzt und provoziert wird...Anstatt sinnlos Energie und Zeit mit dem kritisieren eines Fernsehfilms zu verbringen, sollte sich lieber jeder Kritiker mal fragen, was er eigenverantortlich dafür machen kann, um das öffentliche Bild Rheinhausens wieder ins richtige Licht zu rücken. Es wird nur gejammert und die Schuld bei anderen gesucht. DIe Lokalpolitik verkommt zu einer Bühne von Leuten, die mehr auf den eigenen Vorteil aus sind, als dass sie Interesse haben, den Stadtteil voran zu bringen. Konstruktive Vorschläge werden boykottiert nur weil sie ggf. von der Opposition stammen...Lieber bekämpft man sich auf unterster Ebene anstatt zusammen zu arbeiten. Das gilt für Politiker, Interessenvertreter und Bürger gleichermaßen...
09:07
Àlle haben ein bißchen Recht mit ihren Anmerkungen zum Film. Doch was soll ein Auswärtiger in Rheinhausen, wenn er hier keinen kennt, den er besuchen möchte. Die aufgezählten Attraktionen gibt es in jeder Stadt, warum dafür teuere Sprit verbraten. Und: Herr Vüllings hat mit gegen den Krupphallenaufbau auf dem Markt gestimmt. Er will statt dessen wieder einen Biergarten. Damit die Rheinhauser sich ihre Innenstadt schön saufen können? Am Kiosk gibts dann Gratisdrogen für die, die auf Alk nicht mehr ansprechen. Aber mal im Ernst: Statt sich über einen schlechten Film aufzuregen, sollten wir lieber unsere Energie zielgerichtet auf die Verbesserung der Lebensqualität hier lenken.
23:27
Ihr regt euch vielleicht auf. Duisburg bzw Rheinhausen ist ein hässliches Entlein. Nichts bleibt über von der beschriebenen Schönheit, wenn wir uns fast 100 Jahre zurück begeben. Selbst Toeppersee ist eine Industriebrache, die jetzt ein paar Bäume und ein Spielplatz hat. Drogen kann man hier an jeder Ecke und auf Schulhöfen gut und günstig erwerben. Seht ihr das nicht mehr?!? Was hier im Stadtviertel abgeht??? Ein mit Baustellen bestücktes, dreckiges Fleckchen Erde. Bergeheim, Oestrum, Trompet und Rumeln sind die einzigen Orte, wo es sich noch leben läst. Alles was hinter der Friedrich-Ebert-Straße kommt ist ein Loch.
22:06
Tja Claudia Leiße, dann lassen Sie sich mal weiterhin von Schimanski bedudeln. Drogen im Übermaß waren meines Wissens übrigens zuletzt bei den Grünen angesagt, als Ströbele auf einem mit Hanfpflanzen bestückten Wagen an der Love-Parade teilgenommen hat. Ist davon auch ein bisschen Gras von den Rheinhauser Grünen verkostet worden?
21:38
Gopher kann ich nur beipflichten: Gelassen bleiben! Schimanski dreht meines Wissens keine Dokumentarfilme sondern Krimis zum Bedudeln. Wer nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann, hat entweder irgendwelche Drogen im Übermaß genossen oder dem mangelt es an Verstand.
Drehen wir doch den Spieß um. Es ist doch erstaunlich, dass Duisburg Ecken besitzt, die für Filmteams interessant sind. Wenn sie hier drehen wollen, müssen sie zahlen. Und bei solch attraktiven Drehorten entsprechend viel. Damit müsste sich doch - wie übrigens in Münster auch - eine Stelle im Ordnungsamt finanzieren lassen, die sich nur mit Sondernutzung für Dreharbeiten beschäftigt.
So wird für mich ein Schuh draus. Mal sehen, ob der WDR bereit ist zu zahlen ;-)
16:48
Also ich möchte nicht in Rheinhausen wohnen.... Ist in den letzten Jahren auch immer mehr runtergekommen... Logport hin oder her... Rheinhausen ist nicht schön... Bergheim geht... aber der Rest sieht ziemlich heruntergekommen aus....
14:33
Hochheide mit Marxloh, Bruchhausen oder Hochfeld zu vergleichen ist völlig daneben. Die ohne Frage vorhandenen Probleme in Hochheide sind lösbar. In den anderen Stadtteilen ist das m. E. nicht mal ansatzweise möglich.
Zum Film: Schimi ist alt geworden, er sollte es ganz einfach sein lassen. Das Drehbuch war absolut grottenschlecht und die Story vorhersehbar. Rheinhauser Befindlichkeiten scheinen mir unangebracht, verkennen sie doch die Lebensrealität vieler Mitbürger. Ignorantentum ist weit verbreitet in diesen Tagen.
14:02
starker Beitrag von Ihnen,Gopher!
Herr Vüllings Verhalten ist reines Kalkül.Dieser Polit-Nerd will nicht begreifen,dass die Schimanski-Folge kein Marketing für sein Stadtteil sein kann und will.Es ging unter anderem um einen altenden Hüttenarbeiter welcher um die alte Malocher-Zeit trauert.
Kompliment an das Schimanski-Team für die Umsetzung des Plots!
13:56
Viel Lärm um nichts! Welchen außerhalb Duisburg lebenden Bundesbürger interessiert Rheinhausen??? Rheinhausen hat sich einzig und allein durch seinen eindrucksvollen Arbeitskampf einen Namen gemacht. Ich persönlich verstehe es eher als Kompliment , dass man sich außerhalbs Duisburgs auch noch 20 Jahre später an diesen Arbeitskampf erinnert. Von daher Ball flach halten und weiter am Strukturwandel arbeiten. Und wenn dieser auch so eindrucksvoll gelingt, wird der WDR sich bestimmt auch damit beschäftigen. Zumal man ja jetzt auch mit einem Studio im Innenhafen vertreten ist. Die Schimaski-Reihe lebte vom Duisburger Schmuddel-Image und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Regisseur die Absicht hatte, die Arbeit einzelner Bezirks-oder Interessensvertreter durch den Kakao zu ziehen. Von daher wäre etwas mehr Gelassenheit auf deren Seite angemessen. Auch ich komme aus Rheinhausen und amüsiere mich köstlich über das Bild, das andere von uns haben...da braucht man nicht gleich in Depression zu verfallen...
12:50
@ Volker
Hallo Volker, Dein Kommentar gibt mir trefflich Gelegenheit meine Kritik einmal ins rechte Licht zu rücken. Du sprichst von einer lebendigen Innenstadt und meinst - natürlich - das Gegenteil. Da hast Du nicht ganz Unrecht. Aber was glaubst Du, wie viele Bemühungen (nicht nur meinerseits...) z. B. attraktive Geschäfte oder Eventgastronomie nach Rheinhausen zu holen am Image unseres Stadtbezirks und am Image Duisburgs generell gescheitert sind? Es waren etliche.
Nun muss man im Film nicht zwangsläufig die Fußgängerzone, den Marktplatz oder Logport zeigen. Aber: Wir haben ein tolles Naherholungsgebiet Toeppersee, wir haben den Volkspark und ein wunderschönes Ensemble Friemersheim-Dorf (um einige Beispiele zu nennen...), wir haben ein großes kulturelles Angebot und eine noch größere und funktionierende Vereinslandschaft. Muss man dann ein Klischee zeichnen als wären die Uhren hier vor zwanzig Jahren stehen geblieben?
Es ist - wie überall in Duisburg - auch in Rheinhausen noch vieles verbesserungsbedürftig. Dieser Krimi war aber (mal wieder...) ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich um Verbesserungen bemühen.