Warum Städte an Rhein und Ruhr für Zuwanderer attraktiv sind

Was wir bereits wissen
Immer mehr Zuwanderer zieht es in die großen Städte an Rhein und Ruhr. Dortmund, Essen, Duisburg, Köln und Düsseldorf sind besonders attraktiv für Migranten. Hier stoppen die vielen Neubürger sogar den befürchteten Bevölkerungsschwund.

Essen.. Das Landes-Arbeitsministerium stellt fest: Unter den Ausländern, die nach NRW kommen, gibt es besonders viele Menschen mit guter beruflicher und akademischer Qualifikation. Ein Ende der Zuwanderung ist nicht in Sicht. „Wir gehen davon aus, dass der Trend länger anhält. Hauptgrund dafür ist, dass der deutsche Arbeitsmarkt auf viele, die in den Krisenländern wohnen, besonders anziehend wirkt“, sagte ein Experte des Ministeriums zur WAZ Mediengruppe.

Sie kommen aus Südosteuropa, aus Griechenland und Spanien – vor allem aber aus Polen. Allein im ersten Halbjahr 2012 zogen rund 20.000 Polen nach NRW – nur rund 10.000 zogen fort. Polen genießen in der EU inzwischen volle Aufenthalts- und Arbeitsrechte. Auffällige Zuwachsraten gab es unter anderem bei den Griechen (plus 93 Prozent) und bei den Spaniern (plus 53 Prozent). Deutschland und NRW sind für viele Bürger aus den EU-Krisenstaaten Auswege aus der Not. Und sie sind in Zeiten des Fachkräftemangels hoch willkommen.

40 Prozent mit Hochschulreife

Während es polnische Staatsbürger in großer Zahl in nahezu alle Städte und Landkreise in NRW zieht, suchen sich andere Nationalitäten bestimmte Regionen aus oder werden von den deutschen Behörden dorthin geschickt. Rumänen und Bulgaren finden bevorzugt in Duisburg oder in Essen eine neue Heimat, im Kreis Borken siedeln sich Niederländer an, die die vergleichsweise günstigen Grundstückspreise dort schätzen.

Das Arbeitsministerium hat ausgerechnet, dass sich zwischen den Jahren 2000 und 2011 insgesamt 630.000 Zuwanderer in NRW dauerhaft niedergelassen haben. Etwa die Hälfte stammt aus Osteuropa und aus den Ländern, die früher zur Sowjetunion gehörten. 40 Prozent der Zugewanderten haben die Hochschulreife. Damit schneiden sie sogar besser ab als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (Hochschulreife: 38 Prozent). Experten sehen, dass die heutigen Zuwanderer im Schnitt erheblich besser ausgebildet sind als die Migranten in den 1950er- bis 1980er-Jahren.

Statistiken führen zuweilen in die Irre. Auf den ersten Blick wirken der Märkische Kreis und der ländliche Kreis Borken wie ein Magnet auf Zuwanderer aus aller Welt. Die rote Farbe in der Grafik signalisiert: Hier sind viel mehr Ausländer hin- als weggezogen. Jeweils annähernd 5000 Zuzüge mehr als Fortzüge gab es im Jahr 2011 in diesen Kreisen. Aber hier lohnt ein genauer Blick. Denn „Rot“ heißt hier mitnichten, dass die Migranten diesen Regionen einen nachhaltigen Bevölkerungszuwachs bescheren.

Nein, es sind die Übergangseinrichtungen in Hemer-Deilinghofen und in Schöppingen, die für den Spitzenplatz in der Statistik sorgen. So gibt es im Märkischen Kreis viele Asylbewerber aus Afghanistan, Mazedonien, Iran, Irak und Syrien. Diese Menschen bleiben oft nur kurz im Kreisgebiet und ziehen dann in andere Städte in NRW und im ganzen Bundesgebiet.

Bulgaren ziehen ins Revier

In anderen Regionen ist die rote Farbe wirklich ein Signal für Bevölkerungszuwachs. Zum Beispiel im Ruhrgebiet. Migranten aus Bulgarien und Rumänien haben sich in den letzten Jahren in großen Revierstädten wie Duisburg, Essen oder Dortmund niedergelassen. „Seit dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien im Jahr 2007 beobachten wir eine wachsende Zuwanderung von Menschen aus diesen Staaten“, sagt Leyla Özmal, Integrationsbeauftragte der Stadt Duisburg. Lebten im Juli 2011 noch 3900 bulgarische und rumänische Bürger in Duisburg, sind es im Januar 2013 bereits 6176. Tendenz steigend.

„Ich gehe davon aus, dass wir auch in Zukunft mit Zuwanderern aus diesen Ländern rechnen können“, sagt Leyla Özmal. Die Gründe, warum so viele Rumänen und Bulgaren hier eine neue Heimat suchen, liegen für die Integrationsbeauftragte auf der Hand. So verfügten viele Bulgaren über gute Türkischkenntnisse. „Viele Stadtteile in Duisburg sind durch die ,Gastarbeiter’-Vergangenheit sehr türkisch geprägt und natürlich ziehen die Leute dahin, wo sie die Sprache sprechen.“ Marxloh und Hochfeld sind bevorzugte Ziele von Zuwanderern. So leben in Marxloh (Einwohnerzahl: 17 585) 1076 Rumänen und Bulgaren, in Hochfeld (Einwohnerzahl: ca 16 300) sind es 2347. Auch der Wohnungsmarkt im Revier zieht Migranten an. „Es gibt hier viele leer stehende und billige Immobilien. Die sind für andere Mieter oft unattraktiv und müssten eigentlich abgerissen werden. Da ziehen dann Zuwanderer ein“, sagt Leyla Özmal.

Immer mehr Familien mit kleinen Kindern

Noch ein Trend zeichne sich ab. So kämen immer mehr Familien mit kleinen Kindern nach Duisburg: „Im laufenden Schuljahr haben wir 400 Kinder aus südosteuropäischen Familien aufgenommen. Ein Zeichen dafür, dass die Familien hier sesshaft werden möchten.“ 2011 war jedes vierte bulgarische oder rumänische Kind hier unter 15 Jahren.

Auch Dortmund verzeichnete im Jahr 2011 ein Zuwanderungsplus von 2600. Ein Blick auf die Staatsangehörigkeit der ausländischen Zugezogenen ergibt eine große Vielfalt. Sie stammen aus 131 Ländern. Mit 1977 Zuzügen stehen Polen mit weitem Abstand auf Platz eins, gefolgt von Bulgaren und Rumänen. Über die Gründe für die Zuwanderung lasse sich nur spekulieren, sagt Stadt-Sprecher Michael Meinders. Manche kämen zum Studieren nach Dortmund, andere wiederum, um in der Westfalenmetropole zu arbeiten oder zu heiraten.

Die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit ab 2014, also der generelle Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, könnte zu noch mehr Zuzügen führen. Rumänen und Bulgaren ist dieser Zugang bislang verwehrt. Bereits seit 2010 hat Dortmund wie andere große Städte im Land eine positive Außenwanderungsbilanz, das heißt: Dortmund verbucht mehr Zu- als Fortzüge. Einen maßgeblichen Anteil daran haben die ausländischen Zuwanderer. Sie sorgen sogar dafür, dass die Einwohnerzahl derzeit nicht sinkt. Das NRW-Arbeitsministerium spricht von einer „positiven Wanderungsbilanz“. Der demografische Wandel fällt dadurch freundlicher aus.