Kommentar

Von Fingerspitzengefühl und Dienstvorschriften

Eins vorweg: Natürlich muss die Bahn grundsätzlich im Sinne der Gleichbehandlung gegenüber anderen Kunden darauf achten, dass Fahrgäste ohne gültiges Ticket eine Strafe zahlen. Aber es gibt Spielräume für Kontrolleure, wie die Bahn selbst bestätigt, und darüber hinaus auch so etwas wie Fingerspitzengefühl und den gesunden Menschenverstand. Beides hat der Kontrolleur im Fall des Duisburger Kurt Graupner komplett vermissen lassen.

Und nicht nur das: Er hat offensichtlich auch gegen Dienstvorschriften verstoßen, indem er den 83-Jährigen in Bochum aus dem Zug zitiert hat. Mal abgesehen davon, dass er den Senior ohne weitere Erklärungen und Hilfe in der Kälte auf dem Bahnsteig stehen gelassen hat und sich im Nachhinein nicht entschuldigen und zugeben will, dass er wohl einfach schnell Feierabend haben wollte. Hätte sich der Kontrolleur, was absolut nachvollziehbar gewesen wäre, kulant gegenüber Kurt Graupner gezeigt, wären ihm im Anschluss unangenehme Nachfragen und dem Duisburger eine mehrstündige Bahn-Odyssee erspart geblieben.

Was die Kulanz grundsätzlich betrifft, legen die Bahn-Kontrolleure die ihnen gegebenen Spielräume offenbar höchst unterschiedlich aus. Der 83-Jährige hatte mit einem Mitglied der so genannten Prüf-Trupps zu tun, die explizit Jagd auf notorische Schwarzfahrer machen und als besonders unnachgiebig gelten. Dies hat jedenfalls der Fahrgastverband Pro Bahn wiederholt festgestellt. Eine These, die die Bahn dringend untersuchen sollte.

Mehr lesen