Viele Kinder in Duisburg haben kein eigenes Fahrrad

Die Schüler der Astrid-Lindgren-Schule bei der Fahrradrüfung: Joshowa, Havin, Gabriel und Leo (v.l.) radeln, am Straßenrand schauen die Mütter zu.
Die Schüler der Astrid-Lindgren-Schule bei der Fahrradrüfung: Joshowa, Havin, Gabriel und Leo (v.l.) radeln, am Straßenrand schauen die Mütter zu.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Immer mehr Grundschüler in Duisburg haben kein eigenes Fahrrad. Das beobachten Polizeibeamte der Verkehrsunfallprävention bei der Fahrradprüfung.

Duisburg.. Leo tritt in die Pedale, schaut sich um, streckt die linke Hand aus und biegt ab. Der Zehnjährige und seine Klassenkameraden der Astrid-Lindgren-Schule radeln durch Duissern – sie machen Fahrradprüfung. In den vergangenen Wochen haben die Jungen und Mädchen geübt, wie sie auf zwei Rädern sicher im Straßenverkehr bewegen. Insgesamt verunglückten in Duisburg im vergangenen Jahr 439 Radfahrer, rund 15 Prozent mehr als 2013. Damit es gar nicht so weit kommt, passen die Grundschüler genau auf.

Prüfungsstrecke in Duissern

„Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, aber eigentlich haben wir geübt“, sagt Havin. 1,2 Kilometer ist der Rundkurs durch das Wohngebiet zwischen Wintgenstraße und Innenhafen lang. Was da alles bedacht werden muss: Schulterblick, sich rechtzeitig einfädeln, auf die Autos achten. Die fahren reichlich, es ist morgens und die meisten wollen zur Arbeit. Am Wegesrand haben sich derweil Mütter, Väter und zwei Polizeibeamte in zivil postiert. Sie notieren, ob die Kinder alles richtig machen.

Fahrrad „Wir stehen hier nicht in Uniform, denn es sollen ja ganz normaler Verkehrsbetrieb sein und die Autofahrer sollen sich nicht irritieren lassen“, erklärt Polizeioberkommissar Jörg Woytena, zuständig für Verkehrsunfallprävention. Er blickt zu Leo, der gerade um die Ecke biegt. „Linksabbiegen ist anspruchsvoll“, weiß Woytena, und hakt ab, dass der Nachwuchs-Radler den Schulterblick gemacht hat. „Uns fällt schon auf, dass die Kinder zu Beginn etwas unsicher sind, wenn sie die Hand vom Lenker nehmen sollen“, erklärt Woytena. Wichtig sei, dass die Eltern mit ihrem Nachwuchs üben, wie man sich richtig im Straßenverkehr verhält. In Duissern haben die meisten Kinder ein Rad, allerdings gebe es auch Schulen, an denen sich die Jungen und Mädchen erst einen Drahtesel organisieren müssen. „Die Prüfung dürfen die Kinder nur mit einem Rad machen, auf dem sie schon einmal gesessen haben“, so Woytena.

Reflektierende Kleidung wichtig

Jutta Heilgenpahl fährt mit ihren Sohn Joshua jeden Morgen mit dem Rad zur Schule. „Wir wohnen am Dellplatz und müssen beispielsweise die Kardinal-Galen-Straße kreuzen. Da gibt’s schon manche gefährliche Situation. Die Autofahrer nehmen nicht immer Rücksicht.“ Alleine würde sie Joshua deshalb nicht fahren lassen. Derya Bayrak wohnt im Duisburger Norden und bringt Tochter Havin deshalb mit dem Auto. „Bei uns in der Nähe fahren wir allerdings öfter Fahrrad. Mir ist wichtig, dass sie das gut kann.“ Auch Mutter Delphine Akoun sorgt sich um ihren Sohn. Trotzdem lässt sie ihn auch alleine durch die Straßen düsen. „,Pass gut auf’ ist mein Standard-Spruch. Ich muss mich zwingen, ihm zu vertrauen, damit er es alleine lernt.“ Aber es sei wichtig, dass die Kinder selbstständig werden und auch mal etwas alleine machen dürfen.

Stadtradeln Einen Führerschein bekommen die Kinder, die die Prüfung bestanden haben, übrigens nicht. Polizistin Kerstin Speckamp erklärt: „Die Fahrprüfung sagt nur aus, dass die Kinder eine geübte Strecke sicher bewältigen können. Die Eltern müssen weiter mit ihrem Nachwuchs fahren, damit sie sicher werden.“ Die Polizei weist in diesem Zusammenhang auf Sicherheitsmaßnahmen für Radler hin. Dazu gehören reflektierende Kleidung, die das Risiko minimiert, in der Dunkelheit oder bei starkem Regen übersehen zu werden.

Nach der Prüfung kommt die erlösende Nachricht für die Kinder: Die meisten haben bestanden. Leo, Joshua, Havin, Gabriel sind erleichtert – und düsen eine Ehrenrunde mit dem Rad.

Verkehrsübungsplätze: Sponsoren für Sanierung gesucht

Bevor sich die Kinder auf die Straße trauen, trainieren die Grundschulen erst einmal auf so genannten Jugend-Verkehrsübungsplätzen. Drei gibt es davon in Duisburg, sie werden vom Immobilienmanagement der Stadt betreut. Allerdings sind die Plätze arg in die Jahre gekommen. Die Bürgerstiftung hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Flächen im Rahmen der Kampagne „Duisburg, aber sicher“ zu erneuern. Der Platz in Walsum wurde bereits saniert – der in Duissern soll folgen. Aktuell ist Hubert Becker von der Bürgerstiftung auf Sponsorensuche.

„Das Konzept der Verkehrserziehung in Jugendverkehrsschulen stammt aus den 1950er Jahren. In den Anfängen lag der Schwerpunkt auf dem Fahren mit Tretautos und auf dem Erlernen des verkehrsgerechten Verhaltens als Fußgänger“, erinnert sich Georg Puhe von der Stadt. 1972 gab es einen Erlass, dass hier die Radfahrprüfung vorbereitet werden soll. An jeder Verkehrsschule in Duisburg gibt es 20 Räder, die die Kinder leihen können.

„In Duissern gibt es noch keine Radstreifen, die auf der Straße angebracht sind. Die Kinder sollen ja nach aktuellen Regeln lernen“, betont Becker. Er hofft, noch im Sommer das Geld zusammenzubekommen.