Vermessung der Hölle und Wallfahrt mit den Augen

„Die Vermessung der Hölle“ hatte der Hieronymus-Bosch-Experte und Kunstlehrer Stefan Fischer seinen Vortrag über den berühmten niederländischen Renaissance-Maler genannt. Fast 100 Zuhörer entdeckten mit ihm im Kultur-und Stadthistorischen Museum „das Böse als Experimentierfeld für die bildende Kunst“.

Variationen der Sünde und des Schreckens malte Bosch in seine figurenreichen Bilder, die ein kleines Kind der Neuzeit an die beliebten „Wimmelbilderbücher“ erinnern mögen. Wie diese Bilderbücher bedient der Maler sich bei alltäglichen Szenerien. Aber er malt die letzten Dinge, das Jüngste Gericht, das Paradies und vor allem: die Hölle. Der Teufel steckt dabei im Detail. Und ist beim näheren Hinsehen oft gar nicht so schrecklich. Auf einem Bild machen seine kurzen Ärmchen es ihm unmöglich, dem Heiligen Johannes den Füllfederhalter zu klauen, mit dem der gerade die Offenbarung schreibt. Fischer vermutet, dass Zeitgenossen die Bilder eher mit Neugier und einem Lächeln betrachtet haben als mit Angst und Ablehnung. Die Botschaft ist zwar eine ernste Warnung an alle Schichten der damaligen Gesellschaft, dem Teufel nicht auf den Leim zu gehen. Aber an den Mischwesen aus Menschen, Tieren, Musikinstrumenten und Pflanzen, die Bosch erfand, um seine wortlosen Moralpredigten zu illustrieren, kann man sich kaum satt sehen.

Bosch, der mit Nachnamen eigentlich van Aken hieß und aus ’s-Hertogenbosch stammte, war der dritte Sohn einer Malerfamilie. Er heiratete reich, nannte sich nach seiner Heimatstadt und machte sich einen Namen. Er malte für Fürsten und Könige. Und bot über die Jahrhunderte immer wieder einen Kristallisationspunkt für wuchernde Verschwörungstheorien. War er Mitglied einer geheimen Sekte? Ein Verrückter, der halluzinierte? „Nicht doch, diese Vermutungen die an die Romane von Dan Brown erinnern, sind alle wissenschaftlich nicht haltbar“, sagte Fischer. Vielleicht taugt eine Randkritzelei auf einer von Boschs Zeichnungen eher als Motto des Werkes: „Denn armselig ist der Geist, der nur bereits Erfundenes benutzt, aber selbst nicht Neues erfindet.“

Fischer hatte ein großformatiges Buch mit allen Bildern des „Höllenmalers“ mitgebracht, so konnten die Matineegäste nach dem Vortrag noch auf „Augen-Wallfahrt“ gehen.