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Verbrechen

Vergewaltigung - Opfer von K.O.-Tropfen erstatten selten Anzeige

23.01.2012 | 17:38 Uhr
Vergewaltigung - Opfer von K.O.-Tropfen erstatten selten Anzeige
KO-Tropfen machen zuerst willenlos und dann bewusstlos.

Duisburg.  Die Zahl der Vergewaltigungen mit K.O.-Tropfen nimmt zu. Die verwendeten Betäubungsmittel sind schlecht nachweisbar und die Opfer verzichten aus Scham häufig auf eine Anzeige. Daher sind diese massiven Vergehen nur schwer aufzuklären und die Täter werden häufig nicht zur Rechenschaft gezogen.

Der Fall einer Vergewaltigung nach dem Einsatz von K.O.-Tropfen, der am Amtsgericht verhandelt wurde , ist in gewisser Weise spektakulär. Denn: Die wenigsten K.O.-Tropfen-Opfer erstatten Anzeige gegen die Täter.

Das hat mehrere Gründe, sagt Jörg Bialon, Jugendbeauftragter der Polizei Duisburg: „Zumeist erinnern sich die Opfer nicht an die Tat.“ Dazu komme die Scham der Opfer und die schlechte Nachweisbarkeit. Er mutmaßt, dass es eine große Dunkelziffer an Taten gibt.

Die Tropfen sind tückisch, vor allem die als „Partydroge“ verbreitete GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure), die in der Szene unter anderem als Liquid Ecstasy bekannt ist. GHB ist zumeist farblos, geruchs- und geschmacksneutral und lässt sich somit leicht in Getränke mischen.

„Kenner“ finden den Wirkstoff frei verkäuflich im Handel oder im Internet. Die Flüssigkeit macht zuerst rauschartig-willenlos und dann bewusstlos. Der Täter hat meist genug Zeit, um das Opfer an einen einsamen Ort zu bringen. Hinterher haben die Opfer Gedächtnislücken.

Prozess
Angeklagter soll Sex-Opfer mit K.O.-Tropfen betäubt haben
Angeklagter soll Sex-Opfer mit K.O.-Tropfen betäubt haben

Auf dramatische Weise soll am 9. Oktober 2010 eine Party in der Küppersmühle am Innenhafen für eine 27-jährige Studentin geendet haben. Sie soll mit K.O.-Tropfen wehrlos gemacht und dann in einem Auto vergewaltigt worden sein. Das wirft die Anklage einem 38-jährigen Drucker vor, der am Montag wegen sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person vor dem Amtsgericht stand.

Der Angeklagte bestritt jede Schuld. Die junge Frau, die er erst an diesem Abend kennenlernte, habe ihm schöne Augen gemacht und sich ihm geradezu aufgedrängt. „Sie wollte unbedingt Geschlechtsverkehr mit mir“, so der 38-Jährige, der andeutete, dass es dabei auch um finanzielle Interessen gegangen sei: „Sie wollte 2000 Euro von mir leihen.“ Der Sex im Auto auf einem Parkplatz ganz in der Nähe sei einvernehmlich erfolgt.

Die Zeugin berichtete dagegen, dass sie nach dem letzten Drink - einige waren bereits vorangegangen - völlig umnebelt gewesen sei. „Dabei vertrage ich Alkohol sonst ganz gut.“ Im Gegensatz zu ihrer Anzeige, konnte sich die junge Frau aber nicht mehr daran erinnern, dass ihr der Angeklagte das Glas gereicht habe, nach dessen Genuss ihr schlecht wurde.

Sie wisse auch nicht mehr, wie sie zum Auto gekommen sei. „Er hat sich auf mich gelegt. Ich konnte mich nicht wehren“, so die Zeugin. Erst später habe sie begriffen, was tatsächlich passiert sei.

Seltsam mutet allerdings an, dass die junge Frau den Tatort mit einem Begleiter verließ, der sie zuvor im Auto des Angeklagten unter schlüpfrigen Bemerkungen angekleidet haben soll. Seltsam auch, dass sie kurz nach der angeblichen Tat mehrfach Begegnungen mit Polizisten hatte, ohne von dem Vorfall zu berichten. Und mit einer Freundin soll sie noch in der Tatnacht Streit gehabt haben, weil die ihr vorwarf, sie schlafe mit jedem.

Das Schöffengericht hielt es für angezeigt, ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellen zu lassen. In einigen Monaten wird der Fall noch einmal von vorn verhandelt werden.

„Die K.O.-Tropfen wirken wie ein dramatischer Alkoholverlauf“, erklärt Bialon, „zuerst ist das Opfer nur benommen, wie bei einem leichten Rausch , aber nach einer knappen halben Stunde befindet es sich in einem Vollrausch, der mit einem Filmriss endet.“

Da der Wirkstoff nur acht bis maximal 24 Stunden im Blut oder Urin nachweisbar sei und sich das Opfer nicht richtig erinnere, bereite die Aufklärung der Tat der Polizei große Schwierigkeiten.

K.O.-Tropfen-Meldungen sind beim Weissen Ring selten

Auch deswegen sind K.O.-Tropfen-Meldungen beim Weissen Ring Duisburg selten, wie der Sprecher des Vereins, Manfred Kaufeld, berichtet: „Vor ein paar Tagen rief eine Frau an, die sagte, sie sei ein Gewaltopfer nach K.O.-Tropfen-Einsatz.“ Aber das sei der erste Fall, an den er sich erinnere in den fünf Jahren, in denen er beim Weissen Ring sei. Aber auch er vermutet eine Dunkelziffer und rät vor allem Besucherinnen von Diskotheken, gut auf ihr Glas aufzupassen, damit niemand etwas hineinschütten kann.

Auch aus Flaschen zu trinken kann schützen, wie Peter Jurjahn vom Duisburger Club Kultkeller sagt: „In die Flaschenhälse ist es viel schwerer, etwas heimlich reinzukippen.“ Außerdem würden die Gäste die Flaschen meistens in der Hand halten und nicht irgendwo abstellen wie ein Glas. Im Kultkeller gebe es unter anderem deswegen seit drei Jahren fast nur noch Getränke aus Flaschen. „Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mir ist auch kein Fall von K.O.-Tropfen im Kultkeller bekannt“, sagt Jurjahn.

"Lass Dich nicht K.O.-Tropfen"

Um das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen, brachte das Justizministerium NRW im letzten Jahr die Initiative „Lass Dich nicht K.O.-TROPFEN!“ auf den Weg. An aktuellen, verlässlichen Opferzahlen mangelt es allerdings. „Vom Januar 2008 bis September 2009 gab es in Nordrhein-Westfalen 124 angezeigte Verdachtsfälle von Verbrechen unter Einsatz von K.O.-Tropfen“, berichtet der stellvertretende Pressesprecher des Justizministeriums, Peter Marchlewski.

Davon seien allein 77 Fälle in Gaststätten oder ähnlichem und 28 in Wohnungen verübt worden. In 31 der angezeigten Fälle stand der Einsatz der K.O.-Tropfen laut Marchlewski im Zusammenhang mit einem Sexualdelikt, bei 64 Fällen sei es um Körperverletzung und bei 17 Fällen um Raub oder Diebstahl gegangen. „Die Anzahl ist in Hinblick auf die Schwere der Taten gravierend“, erläutert Marchlewski.

Jule Körber

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Kommentare
24.01.2012
17:18
Vergewaltigung - Opfer von K.O.-Tropfen erstatten selten Anzeige
von Xavinia | #1

Der beste Schutz sind nicht nur Flaschen sondern auch mitgebrachte Freunde. Wenn jeder auf den anderen achtet, fällt sofort auf, wenn jemand sich plötzlich eigenartig verhält und es einen Fremden gibt, der sich um diese Person kümmern will.
Vorsorge ist immer besser als Nachsorge. Mittlerweile ist die Problematik ja bekannt.

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