Türkin fand in Duisburgerin Erna eine liebevolle Ersatz-Oma

Müşerref Savaş hat die Gobelinstickerei von der deutschen Ersatz-Oma Erna Kleinholt gelernt.
Müşerref Savaş hat die Gobelinstickerei von der deutschen Ersatz-Oma Erna Kleinholt gelernt.
Foto: Lars Heidrich/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Müşerref Savaş zog vor 43 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Ihre Nachbarin Erna Kleinholt wurde für die Familie eine wunderbare Ersatz-Oma.

Duisburg.. Der Name Erna Kleinholt weckt in Müşerref Savaş noch immer warme Gedanken. „Sie war unsere Oma. Und sie war wunderbar“, sagt die Duisburgerin, die vor 43 Jahren aus der Türkei nach Deutschland zog. Für unsere Serie „Oma & Opa, erzählt doch mal!“ hat die 65-jährige Müşerref Savaş eine besondere Geschichte über Emigration, Familie und Wahlverwandtschaften aufgeschrieben:


„Ich wurde in Adana in der Türkei geboren. Wir sind sieben Geschwister. Mein Opa, der Vater meines Vaters, kam oft zu uns, er hatte alle seine Enkelkinder sehr lieb. Er hat uns geschaukelt und uns dabei Lieder vorgesungen. In einer Großfamilie mit viel Liebe groß zu werden, ist etwas Großartiges. Bis zu meinem 22. Lebensjahr habe ich in Adana gelebt. Der Liebe wegen habe ich geheiratet und bin nach Deutschland gezogen.

Würstchen mit Kartoffeln und Spinat

Ich konnte mich nur schwer an das Alleinsein und die Kälte gewöhnen. Als meine Kinder Seyhun und Seyhan zur Welt kamen, war ich traurig, dass sie ohne Oma, Opa, Tante und Onkel groß werden sollten. Diese Traurigkeit sollte aber nicht lange dauern. Denn in Duisburg-Walsum hatten wir wunderbare Nachbarn, für die ich heute noch dankbar bin. Erna Kleinholt und ihr Mann Menne wurden für meine Kinder Oma- und Opa-Ersatz. Sie hatten selber keine Enkelkinder. Meinen Namen konnte Erna nicht richtig aussprechen, daher schlug ich vor, mich Manuela zu nennen. Das bedeutet „Gott ist mit uns“.

Ernas größtes Vergnügen war es, mit den Kindern Eis essen zu gehen. Wir fuhren oft zusammen mit der Straßenbahn in die Stadt zum Einkaufen. Erna hat für die Kinder am liebsten Salzkartoffeln mit Spinat und Würstchen gemacht oder Waffeln, die sie mit großem Appetit aßen. Abends hat Erna entweder Geschichten erzählt oder vorgelesen.

Das Schönste war, dass wir Geburtstage oder Feiertage zusammen feierten. An Weihnachten holten wir einen Tannenbaum, den wir gemeinsam schmückten und darunter Geschenke legten. Mein Sohn Seyhun spielte Flöte und wir sangen dazu Weihnachtslieder. Meine Tochter Seyhan ist am 25. Dezember geboren, deswegen war sie unser aller Christkind.

Gobelin-Bilder in der Wohnung

Erna erzählte viele Abende von ihren schrecklichen Erlebnissen während des Krieges. Damals arbeitete sie im Johannes-Hospital als Krankenschwester. Mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern musste sie unter Bombenhagel im Bunker hausen. Sie sprach unter Tränen davon und manchmal wachte sie nachts schweißgebadet mit Albträumen auf. Sie war ein herzensguter Mensch, der viel Gutes und Schlechtes erfahren hatte.

Erna hat mir beigebracht, Gobelin-Bilder zu sticken. Viele davon hängen an den Wänden in meiner Wohnung. Erna hat immer davon geträumt, dass eines Tages die Kinder erwachsen sind und heiraten und mit ihren Partnern zu ihr kommen. Meine Kinder haben ihre leiblichen Großeltern in der Türkei nur einmal im Jahr für drei bis vier Wochen gesehen, mit Erna und Menne waren sie jeden Tag zusammen.

Gemeinsam haben wir oft im Zillertal in Österreich Urlaub gemacht. Wir sind in den Ferien mit dem Auto in die Türkei gefahren. Auf dem Rückweg haben wir uns im Zillertal immer in derselben Pension getroffen. So war es auch im Sommer des Jahres 1990. Wir kamen am Treffpunkt an, aber Erna und Menne waren nicht da. Die Besitzerin der Pension hat uns dann die traurige Nachricht übermittelt, dass Erna einen Tag zuvor verstorben war und in drei Tagen beerdigt werden sollte. Wir waren so schockiert und betroffen von dieser traurigen Nachricht!

Eine Lücke, die für immer blieb

Was sollten wir ohne unsere Erna in Deutschland machen? Wir weinten die ganze Zeit. Am nächsten Tag fuhren wir nach Duisburg zurück. Menne hat uns in Empfang genommen, unsere Trauer war groß. Unter Tränen haben wir Erna auf ihrer letzten Reise begleitet. Ernas Lücke hat niemand wieder füllen können.

Deutschland, das Land, für das ich der Liebe wegen gekommen bin, ist meine zweite Heimat geworden. Mit den Deutschen habe ich unvergessliche Freundschaften geschlossen. Ich bin glücklich, dass ich in Kürze zum zweiten Mal Großmutter werde. Die Jahre sind so schnell vergangen, seit 43 Jahren lebe ich nun in Deutschland. Ich werde noch meinen Enkeln von meinen türkischen und deutschen Freundschaften erzählen.“