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Trauer erlaubt

16.11.2007 | 18:19 Uhr

Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, fühlen sich oft hilflos und überfordert. Trauerberaterinnen leisten dann Hilfe zur Selbsthilfe

CITY-REPORT ZEHN JAHRE TRAUERBERATUNG AM MALTESER-HOSPIZ Trauer? Was ist das denn? Wir sind doch eine Spaßgesellschaft. Wer will da schon ein Kind von Traurigkeit sein? Ja, vielleicht die junge Witwe, die ihren Mann verloren hat. Vielleicht will sie voller Trauer nach dem tragischen Verlust nicht gerade den Satz hören: "Du bist doch noch jung, du findest schon wieder jemanden." "Trauer", sagt Mechthild Schulten, "ist keine Krankheit, sie ist etwas ganz Natürliches." Die 48-Jährige leitet das Malteser-Hospiz St. Raphael, an dem seit zehn Jahren Trauerberatung angeboten wird.

Dieses Angebot ist dringend erforderlich in einer Gesellschaft, in der der Tod nicht mehr selbstverständlich zum Leben gehört, die Familie den Trauernden häufig nicht mehr auffängt und, wie Schulten erklärt, "das Wissen um Trauer fehlt". So suchen jährlich rund 100 Menschen Hilfe bei Schulten, einer weiteren hauptamtlichen Mitarbeiterin und vier Ehrenamtlichen. Es sind Männer wie Frauen, die die Trauerberatung in Anspruch nehmen. Wobei die Frauen viel die Gruppenangebote nutzen, Männer lieber Einzelgespräche. "Das Gesellschaftsbild ist immer noch so, dass Männer ihre Trauer nicht zeigen, nicht weinen dürfen", weiß Schulten. Einzige Ausnahme: der Tod eines Kindes. Dann dürften sogar Männer traurig sein. Bei den speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen der Trauerberatung dürfen alle Trauer zeigen. Erstaunlich ist, Menschen, die sich dort Unterstützung holen, kommen oft von außerhalb, gehören nicht zu denen, von denen Angehörige im Hospiz gelebt haben.

"Am Telefon stellt sich schon heraus, ob jemand eine Einzelberatung möchte oder ein Gruppenangebot nutzen wird", sagt Schulten. Menschen, denen es sehr schlecht geht, wird innerhalb weniger Tage ein Gespräch zugesichert. "Manchmal reichen ein, zwei, drei Gespräche, und es geht nur darum, einmal den Schmerz zum Ausdruck zu bringen, manchmal brauchen Menschen sehr viel länger einen Beistand", erklärt die Trauerberaterin.

Die Trauer hat viele Gesichter. Sie hat auch ihre Phasen, wobei nichts zu verallgemeinern ist. Meist gibt es aber diese Zeit, in der ein Angehöriger nicht wahrhaben will, nicht verstehen kann, dass der geliebte Mensch gestorben ist. "Trauernde müssen richtig arbeiten, müssen zunächst den Tod realisieren", sagt Schulten. Dieses Realisieren würden sie als Trauerberater begleiten. Wenn dann die Phase kommt, in der die Gefühle aufbrechen, die Menschen manchmal sogar wütend werden, weil der Verstorbene sie verlassen hat, "dann ist es wichtig, klar zu machen, dass all das sein darf und auch die Wut in Ordnung ist", verdeutlicht Schulten. Die Menschen müssten lernen, ihr Leben neu zu gestalten.

Die simple Einladung zu einem Fest kann einen Trauernden aus der Bahn werfen. Da kommen Zweifel auf, wie Schulten schildert: ,Soll ich da hin gehen, wer wird da sein, es wird anders sein'. Einige erzählen dann später tatsächlich, wie unerträglich die Feier war. Genau hier setzt die Trauerarbeit auch wieder an. Denn niemals war absolut alles schrecklich. Vielleicht war doch der eine oder andere einfühlsame Mensch dort. "Wir arbeiten ressourcen-orientiert, sehen, was der Mensch kann und was ihm gut tut", erklärt die Trauerberaterin. Letztlich wollen sie Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Die Menschen, die betreut werden, sind zwischen 20 und 80 Jahre alt. Viele junge Witwen, Frauen zwischen 45 und 50 Jahren, sind darunter. Ein leichter Job ist das auch für Schulten nicht. Ihre Kraft zieht sie aus dem Glauben an Gott und einem gesunden seelischen Gerüst. "Ich bin ganz gut geerdet nach oben und unten", scherzt sie. Bei schwierigen Fällen helfen Supervisionen. Kraft geben ihr das Team vom Hospiz und natürlich die Resonanz der Betroffenen, die nicht selten sagten: "Wenn ich diese Stelle nicht hätte, dann hätte ich niemanden."

Von Andrea Micke

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