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Stadtgeschichte

Tagebuch aus dem Krieg

04.01.2013 | 11:00 Uhr
Dieter Kühn konnte seine Unterlagen über seine Zeit als Flakhelfer über die Zeit retten.Foto: Tanja Pickartz

Duisburg. „Meine Tochter und meine Enkelkinder sollen wissen, was wir damals erlebt haben“, sagt Dieter Kühn. Heute, an seinem 85. Geburtstag, werden sie auf jeden Fall wieder da sein, die Erinnerungen: Daran, dass er gerade 16 war, als er 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde. Und wie begeistert sie damals alle waren. „Wir wollten ja mitmachen. So ist das gewesen bei den Jugendlichen damals.“

Der alte Post-Bunker

Um festzuhalten, was passierte, begann Dieter Kühn als Flakhelfer, Unterlagen und Fotos zu sammeln, die er heute noch hat. „Die habe ich bei der Flucht vor den Amerikanern in Baerl in eine Munitionskiste gepackt und eingegraben.“ Dann lief er „wohl als Letzter“ über die Baerler Eisenbahnbrücke, bevor sie gesprengt wurde.

Jahrgangsweise eingezogen

17 Schüler des Steinbart-Gymnasiums waren sie damals. „Wir wurden jahrgangsweise eingezogen.“ Und sie waren völlig überzeugt, das Richtige zu tun „Wir wollten alle zur Elite-Einheit Groß Deutschland.“ Es sei alles ein „Irrsinn“ gewesen, eine Sünde und Schande, 16-Jährige so zu verheizen. „Wenn ich heute darüber nachdenke, dass man 16-Jährige nach Afghanistan schicken würde...!“

Kriegszerstörtes Duisburg

Unterricht fand nur zwischendurch mal statt, erinnert sich Kühn. „Die älteren Lehrer vom Steinbart waren hier geblieben.“ Alle anderen Schüler waren damals in Bad Mergentheim evakuiert.

Geschäft brannte aus

Während der schweren Angriffe auf Duisburg am 14. und 15 Oktober 1944 verlor die Familie von Dieter Kühn das kleine Handarbeitsgeschäft auf dem Sonnenwall. In dieser Nacht kam auch einer seine Mitschüler in einer Flakstellung bei Baerl ums Leben. Damals habe keiner darüber nachgedacht, dass in den Flugzeugen Menschen saßen, auf die man schoss. „Jeder nachgewiesene Abschuss eines Flugzeugs wurde belohnt. Wir waren doch völlig verbohrt. Erst als ich 1946 damit begann, meine Erinnerungen aufzuschreiben, wurde mir der ganze Irrsinn bewusst.“

Dass er den Irrsinn überlebt hat, verdankte er auch dem Leutnant einer Fallschirmjäger-Division, zu der die Flakhelfer gehörten. „Der hat uns gesagt, wir sollen den Kopf einziehen. Der Krieg würde eh bald vorbei sein und es wäre schade, wenn wir auch noch draufgehen würden.“ Bewusst wurde ihm der Irrsinn auch daran, dass er im März 1945 nach der Entlassung als Flakhelfer aufs Fahrrad stieg und nach Wuppertal fuhr, um sich dort für den Arbeitsdienst zu melden. „Da stand schon der Kessel rund ums Ruhrgebiet. Der Arbeitsdienstführer schickte uns zurück nach Duisburg, wo wir uns im Polizeipräsidium melden sollten.“ Sein Vater habe das damals verhindert. Zwölf Tage habe er sich im Keller versteckt gehalten. Dann war der Krieg vorbei.

Ruderer aus Leidenschaft

Dieter Kühn machte nach dem Krieg am Steinbart seine Mittlere Reife, besuchte die Höhere Handelsschule und wurde Textilingenieur. Er arbeitete im Textilgroßhandel Ludwig Esch an der Niederstraße. 1962 machte er sich als Handelsvertreter selbstständig.

Seine sportliche Leidenschaft als Ruderer ließ ihn nach seiner aktiven Zeit dem Duisburger Ruderverein die Treue halten. 50 Jahre lang war er im geschäftsführenden Vorstand, davon zehn Jahre als Vorsitzender (1996 bis 2006). Heute ist er Ehrenvorsitzender des Vereins.

Die Kopien seines Tagebuchs erhalten Tochter und Enkel. Die Originalunterlagen will er später mal dem Duisburger Stadtarchiv hinterlassen.

Alfons Winterseel

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http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/tagebuch-aus-dem-krieg-id7444878.html
2013-01-04 11:00
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