Wenn plötzlich im eigenen Kopf der Krieg tobt

Trösten will gelernt sein, wenn sich eine Demenz mit einem Kriegstrauma mischt.
Trösten will gelernt sein, wenn sich eine Demenz mit einem Kriegstrauma mischt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Viele demente Menschen leiden unter Kriegstraumata. Eine Impulsveranstaltung in der Fliedner-Akademie klärt Angehörige und Pflegekräfte auf.

Großenbaum..  Versteckt in der Bettwäsche findet sie verschimmelte Brötchenreste. Ihre Mutter hat sie dort eingelagert. Im Kopf der alten Frau herrscht Hunger; im Supermarkt quellen die Lebensmittelregale über. „Die Frau ist wieder im Hungerjahr 1946“, erklärt Dr. Udo Baer. Der wissenschaftliche Leiter des Instituts für Gerontopsychiatrie kennt viele solcher Geschichten. Es sind Geschichten von Menschen, in deren Geist plötzlich wieder der Zweite Weltkrieg tobt.

Geschichten, die Angehörige oder Pfleger oft falsch lesen – dabei leiden mehr Über-70-Jährige an Kriegstraumata als nicht. Baer sagt: „Zwei Drittel der Menschen, die damals gelebt haben, sind von Kriegstraumata betroffen.“ Sie müssen die Greuel des Krieges gar nicht am eigenen Leib erfahren haben; Zeuge gewesen zu sein, reicht – selbst wenn der Zeuge damals erst ein Kleinkind oder sogar ein Säugling war. „Das merkt sich das Gehirn, aber das wird von den Menschen lange beiseite geschoben.“ Nach dem Krieg ging es nicht darum, zu trösten und zu verarbeiten. Nach dem Krieg galt es, sich ein neues Leben aufzubauen. Ein Leben, an dessen Ende das damals Verdrängte sich bahnbricht. „Sie ist dement, heißt es dann oft. Aber das ist es nicht nur.“

Demenz und Trauma mischen sich

Es vermengen sich Demenz und Kriegstraumata. „Trauma heißt, dass wir uns existenziell bedroht fühlen“, erläutert Baer. Eine psychologisch explosive Mischung, die bei Angehörigen wie Pflegepersonal Fingerspitzengefühl und Fachkenntnis voraussetzt. Denn was bei Demenz hilft, schadet unter Umständen wegen des Kriegstraumas. Der Fachmann erklärt die Problematik: „Bei Demenz ist es wichtig, über die Sinne frühere Erfahrungen wachzurufen.“ Der Duft einer Rose zum Beispiel kann Erinnerungen wecken an die eigene Hochzeit. Ist ein solcher Auslöser im Gedächtnis des Dementen aber mit einer Kriegserinnerung verbunden, „kann auch was Schlimmes hochkommen“. Deshalb ist es wichtig zu „wissen, was da jeweils passieren kann“.

Dieses Wissen setzt Offenheit voraus: Wer fragt, bekommt vielleicht für ihn selbst schmerzhafte Antworten. Baer rät deshalb: „Wenn Angehörige Angst haben, was da kommen könnte, sollten sie es lassen.“ Das gelte auch für professionelle Pflegekräfte. Fragende sollten außerdem wissen: Nicht immer kommt eine Antwort. „Manche machen zu, das ist auch ihr Recht.“ Viele aber erzählen stundenlang. „Dann kommen Tränen, die sie 60 Jahre lang nicht geweint haben.“

Tränen nach 60 Jahren

Doch hilft das überhaupt bei einem hochgradig dementen Menschen, der vielleicht schon ein paar Stunden später gar nicht mehr weiß, dass er sich eine Last von der Seele geredet hat? Baers Antwort fällt eindeutig aus. „Es hilft jeder Moment, in dem es ihm gutgeht.“