Wanheims Umweltproblem über Jahrzehnte verharmlost

Rolf Napieralski in seinem mit Blei und Cadmium verseuchten Garten.
Rolf Napieralski in seinem mit Blei und Cadmium verseuchten Garten.
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Was wir bereits wissen
Aber jetzt sollen die Bürger für die Sanierung ihrer Gärten zuzahlen. Rolf Napieralski empört sich

Wanheim..  In Wanheim steht die Totalsanierung von rund 70 privaten Hausgärten bevor. Nach dem jetzigen Stand der Dinge sollen die Betroffenen einen Teil der Kosten selbst tragen. Rolf Napieralski ist empört. Schon als einer der Sprecher der früheren Bürgerinitiative gegen Dioxinverseuchung von 1999 bis 2005 nahm er kein Blatt vor den Mund. „Unsere Böden wurden jahrzehntelang unter den Augen der Behörden mit giftigen Schwermetallen verseucht“, sagt er. „Jetzt aber will die öffentliche Hand nur den Bodenaustausch bzw. die Abdeckung belasteter Stellen übernehmen.“ Für Neupflanzungen oder Einfassungen müssten Besitzer wie er selbst aufkommen.

Dabei tragen Stadt und Land nach seiner Auffassung eine Mitverantwortung dafür, dass die 2005 nach genau 100 Jahren Pleite gegangene Metallhütte Duisburg (MHD) jahrelang ungehindert die Umwelt habe vergiften dürfen.

Die Messwerte

Die Messwerte hätten immer schon eine klare Sprache gesprochen, sagt der gelernte Gießereitechniker. Bei 100 Mikrogramm je Quadratmeter am Tag lag der Grenzwert für Blei im niedergeschlagenen Staub ab 2002. Zum damaligen Zeitpunkt waren es vor Ort aber noch bis zu 3800 Mikrogramm, 18 Jahre zuvor, als es noch andere Grenzwerte gab, sogar über 22 000 Mikrogramm. Ganz ähnlich beim Cadmium, wenn auch zeitlich verzögert. Hier hätten erst die fragwürdigen Recycling-Aktivitäten der Zinkhütte in den 90er Jahren zu Spitzenbelastungen von bis zu 120 Mikrogramm in 1997 geführt. Ab 2002 galt dann ein Messstellen-Grenzwert von zwei Mikrogramm.

In Düsseldorf habe der damalige NRW-Gesundheitsminister Prof. Dr. Friedhelm Farth­mann (SPD) Anfang der 80er Jahre keine Probleme damit gehabt, davor zu warnen, solche Belastungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Verantwortlichen vor Ort aber hätten das Problem jahrelang kleingeredet. „Wenn Gemüse gewaschen wird, kann es unbedenklich verzehrt werden“, zitiert Napierals­ki aus den zahlreichen Berichten dieser Zeitung zum Thema den früheren Chef-Chemiker der Stadt, Dr. Willi Schneider (1982). Schreckensmeldungen über zu hohe Cadmium-Belastungen seien „schlicht falsch“, hieß es da auch vom damaligen Umweltdezernenten Josef Ebert. Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt habe daraufhin gelobt, den Quellen noch einmal nachzugehen.

Problem nur zögerlich eingeräumt

Im Dezember 1982 habe es dann die ersten Verzehrempfehlungen für Wanheim gegeben. Auf 300 Gramm Salat pro Woche aus eigenem Anbau solle man sich beschränken. 1987 habe Dr. Schneider dann geraten, eigenes Gemüse nicht täglich zu essen. Erst 1990 habe er eingeräumt: Wanheim gehöre zu den mit Blei und Cadmium am ärgsten belasteten Orten Deutschlands. Hauptverursacher sei MHD.

Woher die Belastung kam, war früh klar, sagt Napieralski. Die zulässigen Ausstöße aus den Kaminen der Zinkhütte hätten Anfang der 90er Jahre innerhalb der Grenzwerte gelegen. Trotzdem seien die Staubniederschläge nicht zurückgegangen. „Es waren die offenen Erzhalden“.

Landesbürgschaft hielt Werk über Wasser

Falsche wirtschaftspolitische Weichenstellungen, eine Bürgschaft des Landes NRW nämlich, haben nach Ansicht von Rolf Napieralski Mitte der 90er Jahre dazu geführt, den wirtschaftlich nicht mehr tragfähigen Betrieb noch zehn Jahre lang über Wasser zu halten.

Das erklärt für den Wanheimer auch, warum die Umweltbehörden fortan auffallend zögerlich agierten. Die längst überfällige Umweltsanierung hätte MHD noch mehr in Schieflage gebracht. Und dann hätte der Bürge, das Land, einspringen müssen.

Bis 1995 seien schon Verluste von 200 Millionen DM aufgelaufen. Monatlich seien drei bis fünf Millionen Mark Miese hinzugekommen, so Napieralski. Es sei nicht mehr möglich gewesen, Zink zu einem kostendeckenden Weltzinkpreis, nach dem in der Branche gehandelt wird, zu verkaufen. Landesregierung, Stadt, IG Metall und MHD hätten trotzdem ein „Bündnis für Arbeit“ geschmiedet. Kredite seien abgesichert worden. Es habe Fördergelder und Zuschüsse gegeben.

Recycling als vermeintliche Rettung

MHD habe seinen Geldgebern vorgestellt, wie man durch Umstellung auf Recycling wieder in die Gewinnzone kommen könne. Nicht mehr die teuren Zinkerze aus dem Ausland sollten verarbeitet werden, sondern zinkhaltige Abfälle aus der hiesigen Schwerindustrie. Damit habe man lange experimentiert. Die Produktion sei gesteigert worden. Napieralski: „Dadurch erhöhten sich die Schwermetall-Niederschläge um 50 bis 100 Prozent.“

Im Jahre 2000 habe es dann geheißen, MHD sei gerettet, fährt Rolf Napieralski in der Chronologie der Ereignisse fort. Sogar die damalige OB Bärbel Zieling habe sich Illusionen hingegeben, MHD könnte Mittelpunkt eines bedeutenden Recyclingzentrums werden. Umweltauflagen dürften die Existenzgrundlage der Firma jetzt nicht zerstören, mahnte sie. Das Ganze wurde als „großer Beitrag für die Umwelt“ dargestellt. Tatsächlich habe MHD in zehn Jahren nur zwei Jahre lang noch Gewinne erzielt.

Umweltauflagen geschickt verzögert

Um einen ganz anderen Beitrag für die Umwelt vor Ort wurde hinter den Kulissen jahrelang vergeblich gerungen: die Einhausung der Erzhalden und Mischplätze. Seit 1998 hätten die Umweltbehörden sie von MHD verlangt, sagt der Wanheimer. Im August 2001 habe das Staatliche Umweltamt das dann als Ordnungsverfügung gegen das Unternehmen erlassen. MHD habe es aber geschafft, deren Inkrafttreten 44 Monate lang hinauszuzögern. „Allein die Bezirksregierung Düsseldorf hat damals für die Bearbeitung des Widerspruchs über zwei Jahre gebraucht“, so Napieralski. Der sofortige Vollzug der Verfügung wurde nicht angeordnet.

Inzwischen hatten die australischen Eigentümer von MHD noch 36 Millionen Euro dazu gegeben, um das Werk 2003 an dubiose Investoren auf den Bahamas abgeben zu können. Nicht einmal die Sicherheitsleistung für die Abwicklung der Werksdeponie von 3,75 Millionen Euro hatte das Land eingetrieben, als MHD dann am 5. Mai 2005 Insolvenz anmeldete. Der Abbruch der völlig maroden Anlagen, das Auskoffern des vergifteten Erdreichs und die Abdeckung der Deponie mitsamt Neuaufbau kosteten den Steuerzahler weitere rund 50 Millionen Euro. Heute gilt in Wanheim ein Anbauverbot für Nahrungspflanzen, außer in neu angelegten Hochbeeten.