Viele Unklarheiten
14.12.2011 | 19:01 Uhr 2011-12-14T19:01:00+0100
Süd.Der Rat der Stadt hat es beschlossen: Haupt- und Realschulen sollen im Laufe der nächsten acht Jahre in Sekundarschulen umgewandelt werden, daneben wird es weiterhin die Gymnasien und Gesamtschulen geben. Was halten die Leiter der vier weiterführenden Schulen im Süden davon? Was bedeutet der Beschluss für ihre Schule? Wie ließe er sich umsetzen?
Klaus Friede, Leiter der Realschule Süd, glaubt, „dass Duisburg 2013/2014 vielleicht mit zwei oder drei Sekundarschulen starten wird, aber sicher nicht hier im Süden“. „Alles hängt erstmal davon ab, was die Grundschuleltern bei der vorgesehenen Befragung sagen werden, welchen Schultyp sie für ihre Kinder wollen“, so der Pädagoge. Seine Schule jedenfalls habe gute Anmeldezahlen (120 in diesem Sommer) - auch deshalb, weil nicht alle Eltern den Ganztag wünschten, den Gesamt- und Sekundarschule haben.
Zudem meint Friede: „Aufgelöst wird sicher keine Schule. Alle Schüler der Haupt- und Realschule werden auf ihrer Schule noch den Abschluss machen können.“ Wenn sich manche Realschule aufgrund des Elternwillens aber noch länger als geplant halte, ergebe sich folgendes Problem: Was geschieht mit den Kindern, die eine Hauptschulempfehlung haben - wenn es die Hauptschule schon nicht mehr gibt, aber erst wenige Sekundarschulen? Denn: Die Gesamtschulen werden auch weiterhin voll sein.
Schnell einführen lasse sich die Sekundarschule nicht, denn ein fertiges Konzept existiere ja noch gar nicht. Eine von vielen Unklarheiten: Für die Sekundarschule ist keine gymnasiale Oberstufe vorgesehen, sie soll mit Gymnasium, Berufskolleg oder Gesamtschule kooperieren - wie der Übergang in diese Schulen möglich gemacht werden kann, sei aber völlig offen.
Das merkt auch Gesamtschulleiter Alois Wollny an. „Der Wechsel nach Klasse 10 von der Sekundarschule in die Jahrgangsstufe 11 des Gymnasiums ist eigentlich unmöglich, die Schüler müssten zur Gesamtschule wechseln - und da ist ja kein Platz.“
Insgesamt könne er noch nicht einschätzen, „wie das im Süden einmal aussehen wird“. Unverständlich ist für ihn, warum es überhaupt Sekundarschulen geben soll: „Die Entwicklung der Gesamtschule ist so positiv, sie ist so erfolgreich, es gibt eigentlich gar keine Notwendigkeit, noch eine weitere Schulform einzuführen.“ Die Unterschiede zwischen Sekundar- und Gesamtschule seien ohnehin gering.
Wollny glaubt daher, dass der Anmeldedruck an seiner Schule noch mehr zunehmen wird. „Die Eltern heute wollen eine Ganztagsschule, die bis zum Abitur führt“, meint er. Unsere Frage, ob die Sekundarschule damit im Grunde wieder zu einer „Restschule“ werde, wie es heute die Hauptschule ist, wollte er nicht kommentieren.
Das Gymnasium ist von den Umgestaltungsplänen der Schullandschaft weniger tangiert. „Unser Erhalt ist ja garantiert“, sagt Birgitt Keens, Leiterin des Mannesmann-Gymnasiums.
Gut findet sie, „dass mit dem Konsens auf Landesebene endlich die leidige Schuldebatte zwischen den Parteien aufhört“. Aber: „Was jetzt geschieht, müssen die anderen Schulformen im Konsens entscheiden - und nicht wir.“ Die einzige Frage, die das Gymnasium vielleicht betreffe, sei vorerst: Ob und in welcher Form ist ein Seiteneinstieg von der Sekundarschule in die gymnasiale Oberstufe überhaupt möglich?
Zweittext: Ortsnahe Beschulung
Wenn es frühestens zum Schuljahr 2013/14 eine Sekundarschule im Bezirk Süd geben wird, ist Anne Kahlert, neue Leiterin der Hauptschule Beim Knevelshof, sicher, dass ihre Hauptschule dann keine Eingangsklasse mehr bilden wird.
Sollten sich aber weiter genügend Anmeldungen für die Realschule ergeben, so Kahlert, dann würde aus der von den Parteien angestrebten Vereinfachung des Schulsystems vorerst nichts. „Eine lange Übergangszeit stünde bevor.“ Dann würde sich nur die Position der Realschule in der Schullandschaft verändern. Kahlert: „Sie würde dann die Rolle der Basisschule übernehmen, wäre nicht mehr der mittlere Bildungsabschluss.“
Auf jeden Fall werde die Sekundarschule neben der Gesamtschule das frühe Aussortieren der Kinder beenden und längeres gemeinsames Lernen bis zur sechsten Klasse bieten.
Viele Eltern fragten sich allerdings, was den neuen Schultyp von der Gesamtschule unterscheide, außer dass sie, anders als die Gesamtschule, keine eigene Oberstufe anbieten wird. Ohne Oberstufe aber könne sie dem Wunsch der Eltern, den Weg zum Abitur offenzuhalten, genauso wenig wie heute Haupt- und Realschule direkt entsprechen. Das aber macht aus Sicht von Kahlert den Erfolg der Gesamtschule aus.
Das Ende der Hauptschule bedauert Anne Kahlert vor allem deshalb, weil damit ein Schultyp von überschaubarer Größe verschwindet. „Hier gibt es noch Kontakt zu jedem Schüler“, sagt sie. Denn „ihre“ Schule ist kleiner, als allein die fünften und sechsten Klassen der Gesamtschule zusammen an Schülern haben. An noch größeren Gesamtschulen, sagt sie, würden sich nicht mal die dann 150 Lehrer alle untereinander kennen. Und jene kleinen Klassen, die heute für die Hauptschule typisch seien, werde es dann auch nicht mehr geben.
Standort Knevelshof
Indes ist Kahlert sicher, dass die Sekundarschule so groß niemals werden kann. Vielmehr biete sie wieder die Möglichkeit der ortsnahen Beschulung an mehreren Standorten. Ob der Standort Beim Knevelshof dafür in Betracht kommt, Kahlert bezweifelt es. Zwar bekam er erst vor wenigen Jahren eine Mensa mit elf neuen Klassenräumen. „Aber für eine dreizügige Sekundarschule wäre er zu klein“, sagt sie. „Dazu fehlt es an Klassen- und Fachräumen.“
Drittext: 75 Eltern nötig
Der Duisburger Schulkonsens ist nach Einschätzung von Ralph Kalveram, Referatsleiter für Schulbetrieb bei der städtischen Bildungsholding, stringenter zu sehen als der Konsens zwischen CDU, SPD und Grünen auf Landesebene.
Das Land habe gezielt die Option gelassen, die Sekundarschule nur wahlweise oder als Ersatz für Haupt- und Realschulen einzuführen. Duisburg habe die Weichen in Richtung Ersatz gestellt und sehe auch noch einen bedarfsgerechten Ausbau der Gesamtschulen vor. Die Gesamtschule Süd muss seit Jahren Schüler abweisen, weil sie zu wenig Platz hat.
Für die Gründung einer neue Sekundarschule müssten sich bei einer Elternbefragung mindestens 75 Eltern von Viertklässlern aussprechen, so Kalveram. Sie muss mindestens drei Parallelklassen aufweisen. So ganz aus dem Rennen wäre der Standort Beim Knevelshof aber nicht. „Sekundarschulen dürfen auch Zweigstellen bilden“, sagt Kalveram. Die müssten aber mindestens zweizügig sein - bei einer dreizügigen Hauptstelle. Allerdings müsste das Raumprogramm für den Ganz- tagsunterricht ausreichen.
Da es sich bei der Sekundarschule nicht mehr, wie noch beim Vorläufer, der Gemeinschaftsschule, um einen Schulversuch, handelt, sondern um eine neue Regelschule, wird sie auch nicht mehr im Konsens mit den anderen Schulen eingeführt. Vor allem die Realschulen hatten heftig opponiert. „Wir haben jetzt den Auftrag der Politik“, so Kalveram.
Dass Realschulen auf Dauer Bestand haben werden, bezweifelt Kalveram. „Es wird ja eine Wechselbeziehung sein“, sagt er. Schüler, die an der Sekundarschule angemeldet würden, würden dort fehlen. Der Übergang in eine gymnasiale Oberstufe werde anders als beim heutige Wechsel von Haupt- und Realschülern an Gymnasium oder Gesamtschule aussehen. In der gesamten Sekundarstufe I werde auf diesen Wechsel gezielt hingearbeitet.
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