Nach 30 Jahren als Sekretärin zum ersten Mal an der Kasse

Von links: Mitarbeiterin Marlies Balluch „kannte halb Buchholz“; Heinz Liebke, Helga Liebke und Sohn Stephan Liebke „die andere“.
Von links: Mitarbeiterin Marlies Balluch „kannte halb Buchholz“; Heinz Liebke, Helga Liebke und Sohn Stephan Liebke „die andere“.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Drei Menschen hat das Geschäft der Liebkes in Duisburg-Buchholz innerhalb von vier Jahren aus der Arbeitslosigkeit geholt.

Buchholz.. Drei Menschen hat das Geschäft von Helga Liebke mittlerweile die Arbeitslosigkeit erspart: ihr selbst, ihrem Sohn und einer Aushilfe. Doch auch wenn der Beschluss, den Lotto- und Schreibwarenladen zu übernehmen, aus der Not geboren wurde: Eine Notlösung ist das Geschäft für Inhaberin Helga Liebke nicht. Ihr neuer Beruf ist für sie ein Stück weit zur Berufung geworden.

30 Jahre lang hatte sie als Sekretärin gearbeitet, dann wurde sie arbeitslos. „Da kriegen Sie natürlich nichts mehr.“ In dieser Situation führte ihr Weg sie im Februar 2011 wie so oft an jenem Laden an der Ecke vorbei, in dessen Nähe sie wohnte. An diesem Tag aber war etwas anders: „Der Inhaber hatte von heute auf morgen krankheitsbedingt das Geschäft zugemacht“, erinnert sie sich. Helga Liebke und ihr Mann überlegten. „Wir können ja mal fragen, ob wir das kriegen.“

Täglich an der Kasse

Sie kriegten. So wurde aus der langjährigen Angestellten, die nie über Selbstständigkeit nachgedacht hatte, eine Geschäftsinhaberin. „Ich hatte noch nie eine Kasse bedient.“ Jetzt tat sie das täglich. „Zigaretten, Zeitung, tun Sie mal noch drei Rubbellose dabei“, zitiert sie einen typischen Einkauf.

Liebke aber tut mehr dabei als nur die Rubbellose. Gratis dazu gibt’s Freundlichkeit, für jeden findet sie persönliche Worte, kennt die Lebensgeschichten hinter den Einkäufen. Den einen fragt sie, ob’s dem Hund besser geht, für die andere setzt sie schnell mal einen Brief auf. „Es ist familiär hier – und so wollen wir’s auch haben.“

Dazu trägt Aushilfe Marlies Balluch einen großen Teil bei. Seit mehr als 20 Jahren steht sie hier schon hinter der Kasse und mit Rat und Tat zur Seite. Die Schließung des Vorgängergeschäfts erwischte sie im Dienst: „Ich hab’ das nur mitbekommen, als ich die Schilder sah: Nachmieter gesucht.“ Für Nachmieterin Liebke war sofort klar: Balluch bleibt. „Sie kannte halb Buchholz, wir kannten halb Buchholz.“

Neustart in schwieriger Zeit

Gemeinsam ging es an den Neustart. Liebke wagte den Schritt in einer schwierigen Zeit: Früher hatte es im Viertel einen Supermarkt gegeben, mehrere Bäcker, diverse Metzger, Kneipen – davon war 2011 nicht mehr viel geblieben. „Der Bioladen hält noch die Stellung mit uns und einem Bäcker.“

Auch die Liebkes halten die Stellung. Kunden wie Eleonore Impelmann sind froh darüber: „Machen Sie bloß nicht zu!“, sagt sie. Seit Jahren kommt die ältere Dame jede Woche her, holt die Zeitung und dies und das dazu. „Die legt man mir immer zurück.“ Die Seniorin ist froh, es zum Laden nicht so weit zu haben. „Das ist das Geschäft, das wir Gott sei Dank noch vor der Tür haben.“

Die Liebkes? Ja, denn aus Helga Liebkes Rettungsanker ist inzwischen ein kleiner Familienbetrieb geworden. Weniger Monate nach ihrer Übernahme wurde ihr Mann krank; jetzt hilft er als Rentner aus. Sohn Stephan ist seit April 2014 mit dabei; auch er hatte seinen Job verloren. „Er hatte immer schon einen Tag in der Woche mitgeholfen, da kannten die Leute ihn.“ Ab November 2016 übernimmt er das Geschäft; seine Mutter geht dann in Rente. Zeitung, Zigaretten und Zuwendung aber wird es in ihrem Laden auch weiterhin geben.