Mündelheimer findet Karton aus 1. Weltkrieg im Nachlass

Ein Notizbuch voller eng beschriebener Seiten erzählt vom Krieg: vom Streit mit dem Vorgesetzten bis zur Gefechtsvorschrift.
Ein Notizbuch voller eng beschriebener Seiten erzählt vom Krieg: vom Streit mit dem Vorgesetzten bis zur Gefechtsvorschrift.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Klaus Lehnens Vater überlebte über 30 Schlachten. Orden, Dokumente und Ehrenzeichen aus dem Ersten Weltkrieg gehen an die Duisburger Zeitzeugenbörse.

Mündelheim.. Der Erste Weltkrieg passt in einen Karton. Der Erste Weltkrieg, wie ihn Walter Lehnen erlebt hat: an der Front als Mitglied der Kavallerie. An mehr als 30 Schlachten war er beteiligt, und doch hat sein Sohn Klaus Lehnen ihn nie ein Wort darüber verlieren hören. „Vielleicht haben wir auch den Fehler gemacht, dass wir ihn zu wenig darauf angesprochen haben“, überlegt der Mündelheimer heute. Das Schweigen von Lehnen Senior brechen seine Orden und Ehrenzeichen, in der Kriegsgefangenschaft selbst geschnitzte Löffel und handschriftliche Notizen; ein kleines Büchlein voller eng beschriebener Seiten. Schulterklappen weisen ihn als Unteroffizier und Oberfeldwebel aus. So wird der Soldat Walter Lehnen sichtbar – fast 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs.

Was war das für ein Mann, der sich mit 20 Jahren freiwillig zum Dienst meldete? „Er war ein Ur-Duisburger“, sagt sein Sohn. Außerhalb des Krieges ging er einem zivilen Beruf nach, war selbständiger Handelsvertreter für Papier und Verpackungsmaterial. Bei Kriegsbeginn ging er aus freien Stücken zur Armee. Allerdings nur, „weil er wusste, dass er eingezogen werden sollte“, erläutert sein Sohn. „Er wollte zur Kavallerie.“ Kam er. Eine Bleistiftzeichnung, die ein Mitsoldat von ihm anfertigte, zeigt einen Mann mit markantem, entschlossenem Gesicht.

Einen entschlossenen Mann, der wusste, was er wollte, zeichnet auch seine Schrift im Notizbuch. Ein dünnes schwarzes Heftchen, in das Vater Lehnen mit enger Handschrift eintrug, wie zwischen 1914 und 1918 sein Leben aussah. Teilweise täglich hält er fest: Marsch. Ruhetag. Gefecht. Gefechtsvorschriften lassen sich hier nachlesen – seine Beschreibung eines Zerstörungsfeuers: „Ruhiges, sorgfältig geleitetes Feuer mit Beobachtung des Einzelschusses mit so viel Munition durchgeführt, dass Zerstörung des beschossenen Zieles sicher erreicht wird.“ Er beschreibt einen Streit mit einem Vorgesetzten ebenso wie eine Schlacht: „Uns flogen die Brocken um die Ohren. Nach dem Einschlag liefen wir aus der Schussrichtung heraus, da weiterhin ein kolossales Feuer“ auf etwas lag, das sich nicht ohne Weiteres entziffern lässt. Der Eintrag datiert vom 28. April, ein Jahr ist nicht vermerkt. Nach dem Verzeichnis der Schlachten zu schließen, an denen Walter Lehnen beteiligt war, handelt es sich wahrscheinlich um ein Ereignis aus dem Jahr 1918, von der Schlacht bei Villers-Bretonneux.

Vier Jahre zuvor hatte Lehnen in Lüttich gekämpft, vom 12. bis 16. August. Letztes Frühjahr war sein Sohn zufällig dort, bekam bei einem Rundgang Erläuterungen zum Ersten Weltkrieg. „Aber ich hab’ nicht gewusst, dass mein Vater dabei war.“ Erst, als nach dem Tod von Klaus Lehnens Bruder dessen Nachlass geordnet wurde, fielen ihm die Unterlagen in die Hände.

„Es stehen unendlich viele Dinge drin. Leute, die daran wissenschaftlich interessiert sind, können das gut auswerten“, sagt Lehnen. Er selbst kann zum Teil nur vermuten, wofür all die Orden verliehen wurden, wie viel Geschichten und Geschichte im Notizbuch steckt. „Was das alles im Detail ist, ich weiß es nicht.“ Darum wird er den Karton voller Weltkrieg der Zeitzeugenbörse zur Verfügung stellen. Für sie eine wichtige Quelle, wie ihr 1. Vorsitzender Harald Molder erläutert: „Dokumente aus der Zeit haben eine ganz besondere Qualität, weil es an dem Tag aufgeschrieben wurde, als es passiert ist.“