Mit dem Blindenhund in Wanheim unterwegs

Die Plakette weist Udin als Blindenführhund aus.
Die Plakette weist Udin als Blindenführhund aus.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der blinde Jörn Böversen ist auf die Hilfe seines Hundes angewiesen. Für ihn ist das Tier kein Gebrauchsgegenstand, sondern ein Freund fürs Leben.

Wanheim..  „Hallo Herr Böversen“ ruft die Verkäuferin des Gemüsestandes und fuchtelt mit ihrer Hand freudig von rechts nach links. Jörn Böversen kann die Begrüßung nicht sehen. Er kann sie nur hören. Sehen, das konnte der 72-Jährige als Kind. Eine Augenkrankheit verschlimmerte den Zustand zunehmend mit dem Alter. Seit 20 Jahren erkennt er weder hell noch dunkel. Dass die Frühlingssonne auf den Wanheimer Marktplatz scheint und die ersten Knospen anfangen zu blühen, kann er sich nur denken. Oder fühlen.

„Udin, du bist ja ganz heiß“, schmunzelt der 72-Jährige, als er seiner sieben Jahre alten Labrador-Hündin über das Gesicht streicht. Seit ihrer Geburt sind die Beiden unzertrennlich. Sie zeigt ihm den Weg zum Markt, zur Apotheke, zum Bäcker. Auch zum Zahnarzt begleitet Udin ihr blindes Herrchen. „Der Zahnarzt weiß Bescheid. Wenn er mir weh tut, habe ich Verstärkung“, scherzt Böversen.

Eingeschworenes Team

Das eingeschworene Team ist in Wanheim bekannt. Und Wanheim ist Böversen bekannt. Seit 1967 lebt der Rentner zusammen mit seiner Frau Hildegard und einem sprechenden Papagei namens Liwe in einem Häuschen. „Ich kenne die Umgebung und die Wege, da ich früher noch ein bisschen sehen konnte. Dennoch wäre ich ohne meinen Hund aufgeschmissen“, betont Böversen.

Die schwarze Vierbeiner-Dame weiß, dass man an einer Kreuzung stoppen muss, sie weiß, wo der Briefkasten ist und sie kennt den Weg zu ihrem Lieblingsort: der Metzgerei. Die Verkäuferin reicht dem Hund ein Stück Schinken und eine Wurst. Natürlich wird geteilt – wie es beste Freunde eben so tun.

Von einem Menschen lässt sich Böversen nicht so gerne führen, „die sind nämlich oft abgelenkt und nicht so aufmerksam.“ Oder sie nutzen das Handicap des Mannes aus und beklauen ihn. Wenn Udin dabei ist, traut sich das keiner.

Wenn die Beiden unterwegs sind, benutzt der Wanheimer kein typisches Blindengeschirr. „Das ist für die Hündin eine Zumutung“, betont der Rentner und fügt hinzu: „So wie Udin mein Leben verschönert, möchte ich auch ihr Leben verschönern. Wir vertrauen uns gegenseitig.“

Das Vertrauen reicht so weit, dass Böversen die Leine teilweise abnimmt. Udin weicht ihm nicht von der Seite. Obwohl er sie nicht sehen kann, spürt er ihre Bewegungen - auch wenn sie zu ihm hochschaut. Mit Räuberchen, wie er sie liebevoll nennt, an der Hand braucht er sich nicht zu konzentrieren. Dann gehe der Wanheimer nur seinen Gedanken nach. Einmal war er so verträumt, dass er nicht mehr wusste, wo er war. Als er seine beiden damaligen Führhunde bat, ihn nach Hause zu bringen, führten die ihn sicher zu seinem Heim. „Etwa drei Stunden haben wir gebraucht“, erinnert er sich.

Der sprechende Papagei

Nachdem seine letzten Hunde gestorben sind, trat Udin in Jörn Böversens Leben. „Ich habe den besten Führhund, den es gibt“, erzählt er stolz und streichelt Udin liebevoll über den Rücken. Die Zufriedenheit ihres Herrchens macht Udin stolz. Sie zeigt gerne, was sie kann und lernt ständig weiter. „Sie hat Spaß an den Aufgaben, weil ich sie darum bitte und nicht, weil ich befehle.“

Nachdem sie ihre Pflichten erfüllt hat, kann sie dann voll und ganz Hund sein, kann toben, sich wälzen und rennen. Am liebsten spielt die Labrador-Hündin mit Liwe, dem sprechenden Papagei. „Die zwei sind ein Herz und eine Seele. Egal wohin Udin läuft, der Papagei folgt ihr“, erzählt der Rentner über die untypische Freundschaft. Manchmal wird Liwe allerdings eifersüchtig. Wehe, Böversen schmust mit seiner Hündin. Dann zwickt sie ihm ins Bein. Aber das bringt die eingeschworene Einheit nicht auseinander: „Wir sind unzertrennlich. Mein Hund ist mein bester und zugleich ein lebensnotweniger Freund.“