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In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land

26.10.2012 | 06:00 Uhr
In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
Am Donnerstag, den 25.10.12 in der Apotheke von Karl Winkler in Duisburg Bissingheim, zum Thema Apothekensterben.Foto: Tanja Pickartz/WAZ FotoPool

Süd.   Immer mehr Apotheken schließen im Duisburger Süden. Das hat Auswirkungen auf die nächtlichen Notdienste. Nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Apothekenbetreiber. Es wird immer schwieriger, Nachfolger zu finden, die Apotheken übernehmen wollen.

Im Duisburger Süden droht eine Ausdünnung des Apothekennetzes. Bei immer geringer werdenden Erlösen zögern junge Pharmazeuten mit dem Schritt in die Selbstständigkeit. Die dadurch wegfallenden Apotheken reißen ein Loch beim Notdienst. Es drohen weitere Anfahrtswege für die Kunden und Arzneimittelhändlern häufigere Nachtdienste.

Immer weniger Kunden

Für Karl Winkler lohnt sich der Betrieb seiner Apotheke in Bissingheim kaum noch. Seit 1971 am Dorfplatz ansässig, hat er einen enormen Kundenschwund miterlebt. Als Ursachen hat der 71-Jährige zum einen den Weggang der Ärzte aus dem Stadtteil und zum anderen eine Billig-Konkurrenz ausgemacht. Bei den Preisen kann der Bissingheimer einfach nicht mithalten.

Immer seltener öffnet sich die Tür seines Ladenlokals. „Manchmal sitze ich hier zwei Stunden und es kommt kein Kunde“, sagt der Unternehmer. 20 Rezepte pro Tag sind derzeit die durchschnittliche Bilanz. Kassenrezepte , so der Bis­singheimer Apotheker, ergäben 5,70 Euro für ihn. Viel bleibt nach Abzug von Miete und laufenden Kosten also nicht übrig. Trotzdem will Winkler weitermachen. „Zurzeit mache ich plus/minus Null“, so der Pharmazeut. Sollte er in die Verlustzone rutschen, würde er seinen Betrieb dichtmachen.

"Unter dem Strich bleibt zu wenig übrig"

Über einen ähnlichen Kundenschwund kann Jörg Horlitz, Betreiber der Aesculap-Apotheke in Buchholz, nicht klagen. Trotzdem ist der 40-Jährige unzufrieden. „Unter dem Strich bleibt zu wenig übrig“, meint der Pharmazeut. Auf der einen Seite würden immer höhere Anforderungen an die Betriebe gestellt, auf der anderen Seite seien jedoch die Honorare seit neun Jahren nicht mehr erhöht worden. „Eine Apotheke ist längst schon keine Gelddruckmaschine mehr“, meint der Buchholzer. Vor kurzem erst musste der 40-Jährige eine Stelle einsparen. Der Arbeitsaufwand bleibt dennoch gleich. Hinzu kommt, dass aufgrund der Geschäftsschließungen immer häufiger kräftezehrende Nachtdienste anstünden. Weil immer mehr Apotheken schließen, müssen die übrigen Kollegen beim Notdienst häufiger einspringen.

Kommentar
Nicht zu kurzfristig denken

Wenn das Apothekennetz einmal völlig ausgedünnt ist und Kunden weniger Service haben werden, dann sind sie daran selbst Schuld.

Nicht nur die Apothekenlandschaft ist einem Wandel unterworfen. Ob Supermärkte, Warenhäuser oder Imbisse: Der Trend geht hin zu Warenketten. Die locken Kunden vor allem mit günstigen Preisen. Dies erreichen sie nur über den massenhaften Verkauf ihrer Ware. Bei Apotheken könnte dies einmal dramatische Auswirkungen haben. Denn die Versorgungssituation ist akut gefährdet. Der Service dürfte langfristig schlechter werden.
Verschwinden immer mehr Kleinbetriebe, bleiben nur noch große Ketten übrig. Doch die gehen nur dorthin, wo es sich für sie richtig lohnt. Randbezirke wie bei uns im Süden kommen da nicht in Frage.


Kunden sollten daher im Hinterkopf behalten: Wo bleibt am Ende der Gewinn, wenn eine Salbe zwei Euro günstiger erstanden wurde, man dafür aber nachts 20 Kilometer zur nächsten Notdienst-Apotheke fahren muss? Letztlich wird an der Kasse über die Zukunft des Apothekennetzes abgestimmt. Bleibt zu hoffen, dass das Kaufverhalten über den kurzfristigen Blick in den Geldbeutel hinausgeht. Stefan Rebein

Fünf Betriebe bereits geschlossen

Apotheker Ulrich Schulte-Herbrüggen ist einer der ersten, der von Apothekenschließungen Wind bekommt. Beim 59-jährigen Pharmazeuten aus Wanheimerort laufen die Fäden für die Organisation der Notdienste in ganz Duisburg zusammen. „In diesem Jahr wurden bereits fünf Betriebe geschlossen“, sagt Duisburgs Notdienstplaner. Im nächsten halben Jahr rechnet er mit weiteren fünf Schließungen. Das hat Auswirkungen auf alle Betriebe im Stadtgebiet. Denn dann heißt es für die Pharmazeuten, noch häufiger des Nachts für Notfälle aufzustehen. Kunden müssten dann wohl weitere Wegstrecken zurücklegen. „Vor allem die Randbezirke werden dies spüren“, prognostiziert Schulte-Herbrüggen. Bald könnten Zustände wie auf dem Land herrschen. Schon jetzt versucht er über Stadtgrenzen hinweg, die Distanzen klein zu halten. So sprechen sich die Apotheker an den Stadtgrenzen zu Mülheim und Krefeld ab.

Keine guten Aussichten für Selbstständige

Momentan herrschen keine guten Aussichten für Selbstständige. Einen Nachfolger für einen alteingesessenen Arzneimittelbetrieb zu finden, wird immer schwieriger. Deutlich wurde dies in Wedau. Aus Altersgründen hatte ein Apotheker seinen Betrieb geschlossen. Doch die Nachfrage nach einer Übernahme war derartig gering, dass die Apotheke letztlich für nur einen Euro den Besitzer wechselte.

Stefan Rebein



Kommentare
28.10.2012
00:01
In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
von Gruenkohl7 | #4

Soweit ich weiß, schliesst ja auch die Apotheke auf der Lindenstraße in Buchholz bald, weil kein Nachfolger gefunden wurde. Schade, da hab ich schon als kleiner Bub Medikamente für meine Mutter abgeholt. Insgesamt würde ich die Versorgungslage im Süden Duisburgs auch als verbesserungswürdig beschreiben.

Ganz anders dagegen im Duisburger Westen: Allein in Alt-Homberg und Hochemmerich gibt es m.E. schon fast ein Überangebot. Vom Rheinhauser Markt aus sind schon vier Apotheken fußläufig erreichbar. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das auf Dauer so bleiben wird, weil ich viele Leute kenne, die sich Apotheken- aber nicht rezeptpflichtige Medikamente nach Preisvergleich im Internet bestellen...

27.10.2012
14:22
In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
von d-evil | #3

Wieso "wie auf dem Land"? Bissingheim, Mündelheim, Serm & Co sind doch eher dörflich geprägt. Deshalb finden es alle da doch so klasse. Einen Notstand für Duisburg auszurufen halte ich für übertrieben. Am Altmarkt in Hamborn gibt es 4 Apotheken - Tendenz steigend für das nähere Umfeld. Mann kann nicht alles haben. Dass man auf dem Dorf mehr fahren muss, um seine Einkäufe zu tätigen ist doch allgemein akzeptiert, oder?

26.10.2012
22:19
zu: von Kravattenmuffel | #1
von elinkatharina | #2

Wie immer, wenn Apotheken das Thema sind, greift der Neidfaktor um sich.
Frage an Kravattenmuffel: haben Sie 5-6 Wochen Urlaub pro Jahr, arbeiten Sie mehr als 40 Std./ pro Woche, haben Sie Verantwortung für Mitarbeiter, zahlen Sie Miete für Gewerberäume etc.?
Es gab mal Preisbindungen für Medikamente, da kostete z.B. Aspirin von Flensburg bis Oberstdorf das selbe. Die Politik wollte "Bewegung" am Markt und hob die Bindung auf. (Dieses gilt nicht für rezeptflichtige Medikamente, überall gleich "teuer".) Zur Freude aller apothekengebeutelten Kunden purzelten vielerorts die Preise, wir sind ja ein sparwütiges Volk, immer auf Schnäppchen bedacht.
Was aber nicht bedacht wird - und das liest man auch in dem Bericht - wo wird gespart, wenn dass denn erforderlich ist? Richtig - am Personal.
Dabei ist die PTA die wichtigste Kraft an der "Front" - fast nur Frauen, gut ausgebildet, gut bezahlt, oft TZarbeit möglich. Rechenbeispiel: 20 000 Apotheken sparen eine PTA ein = 20 000 Arbeitslose.

1 Antwort
In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
von PharmaJoe | #2-1

...zumal Apotheker mit Maserati ("u.A.") bei weitem nicht typisch sind. Typisch für den Berufsstand waren sie nie, aber auffällig.
Der interessierte Leser mag diesem Link folgen:
https://www.commerzbanking.de/P-Portal2/XML/IFILPortal/cms/de/gb/hauptnavigation/pilot_gk/files/branchen_apotheken.pdf
Insbesondere am Ende des Berichts stehen interessante Zahlen zum Einkommen.
Ich denke nicht, dass man der Commerzbank vorwerfen kann, Apotheken-Lobbyismus zu betreiben.

26.10.2012
09:55
Es gibt solche...
von Kravattenmuffel | #1

... und solche: der Apotheker bei uns fährt (u.A.) einen Maserati.

Und wenn am WE der Notarzt und ein Rezept nötig ist, muss sowie erst einmal rumtelefoniert werden, in welcher der Notapotheken das Medikament vorrätig ist. Dass man in der Nächsten fündig wird wäre Glücksache.

2 Antworten
In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
von tom009 | #1-1

ja warum machen sie es dann nicht besser.
lehren sie pharmazie und übernehmen eine apotheke.

mit ein wenig arbeit fahren sie dann bestimmt auch mal einen masarati.

In Duisburg droht Apotheken-Notstand wie auf dem Land
von PharmaJoe | #1-2

Lass mich raten: Der "Maserati-Apotheker" gehört der Generation 50+ an?

Und dass im Notdienst viele Mittel nicht vorrätig sind, ist zwei Problemen geschuldet: Lager kostet Geld und 1001 Generika zum selben Wirkstoff blähen die (bezahlte!) Lagerbreite auf. Weiterhin steigen durch die Ausdünnung die Abstände zwischen Arzt und Notdienstapotheke, so dass man die Verschreibungsgewohnheiten des Arztes nicht kennt und sich mit dem Lager nicht drauf einstellen kann.
Ich agiere im Notdienst vollkommen anders als im Tagesdienst und gebe vorrangig das korrekte Medikament (Wirkstoff und Form) ab, bevor ich mich mit Bürokratien wie Krankenkassen-Rabattverträgen herumschlage. Andere Kollegen mögen das anders machen, was ihnen auch nicht vorzuwerfen ist. Es ist ärgerlich, wenn man Monate nach dem Dienst Streitereien mit Krankenkassen bekommt, weil man zum Wohle des Patienten nachts die "falsche" Firma abgegeben hat. Falsch im Sinne von "hat keinen Vertrag mit Kasse".

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