„Frauen brauchen mehr Selbstvertrauen“

Brigitte Okon ist in ihren Praxisräumen an der Mündelheimer Straße
Brigitte Okon ist in ihren Praxisräumen an der Mündelheimer Straße
Foto: FUNKE Foto Services
Brigitte Okon ist seit 22 Jahren Hebamme und hat zahlreichen Kindern auf dieWelt geholfen. „Die Arbeit ist schwieriger geworden“, sagt sie heute

Huckingen..  Brigitte Okon arbeitet seit 22 Jahren als Hebamme, dazu ist sie auch als Heilpraktikerin tätig. Ihre Praxis an der Mündelheimer Straße hat sie seit fünf Jahren, vier Jahre lang – bis zur Geburt ihres Kindes – hat sie Hausgeburten begleitet. Sie bietet Vor- und Nachsorge bei Geburten an, dazu ihre Erfahrung in der Naturheilkunde. Das Gespräch mit der eigentlich studierten Biologin über die Veränderungen in der Geburtshilfe und die Rolle der Frau führte Annika Matheis.

Frau Okon, brauchen wir heutzutage eigentlich noch Hebammen?

Brigitte Okon: Ja, heute mehr denn je! Die Hebammen stehen ein für die Selbstbestimmung der Frau. Sie unterstützen ihre ureigene Fähigkeit, aktiv zu gebären. Beides geht im Kontroll- und Sicherheitswahn immer mehr verloren. In Zeiten, in denen Frauen sich ihre Brüste amputieren lassen, weil sie Angst vor Brustkrebs haben, ist es auch immer schwieriger eine normal physiologische Geburt zu haben. Mehr als jede dritte Frau kann nicht gebären, sondern wird operiert. Hebammenbetreuung stärkt die Fähigkeit zur normalen physiologischen Geburt.

Sehen Sie dann auch große Veränderungen bei der Geburtshilfe an sich?

Ja, besonders in den letzten Jahren. Die Arbeit ist mit der Zeit schwieriger geworden, da sich vor allem auch die Gesellschaft verändert hat. Die Vorsorgen bei den Hebammen werden immer weniger, wodurch die Basis für mehr Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit fehlt.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

Ich sehe einen Grund darin, dass eben das allgemeine und spezielle Sicherheitsbedürfnis zugenommen hat. Die Frauen werden leider immer ängstlicher. Wichtig ist, dass man als Schwangere, als junge Mutter nicht immer nur unreflektiert alles tut, was der Doktor und vor allem Dr. Google sagt.

Worin liegt das Problem?

Viele Frauen sind zu sehr damit beschäftigt, sich das Negative auszumalen und zu sehen. Gut ist, wenn die Frauen mehr rechts und links schauen. Sie sind in einer so engen Kontrollschiene, dass sie gar kein Selbstvertrauen aufbauen können. Aber gerade Schwangerschaft und Geburt sind eben nicht so geradlinig, das alles ist ein natürlicher, physiologischer Prozess.

Ein Plädoyer für die Freiheit und Selbstverantwortung der Frau?

Ganz genau. Jede Frau sollte selbstbestimmt handeln, sollte alleine beziehungsweise mit dem Partner entscheiden, wo und wie sie beispielsweise entbinden möchte. Vielleicht wäre die Kaiserschnittrate dann auch nicht ganz so hoch wie sie aktuell ist.

Wie sehen Sie sich, wie ist Ihr Selbstverständnis?

Ich bin weder Freundin für die Frau, noch Kummerkasten. Natürlich frage ich auch soziale und ganz persönliche Dinge ab. Die Patientin und ich führen immer auch ein Frau-zu-Frau-Gespräch, die persönliche Betreuung, die persönliche Interaktion ist das Wesentliche. Wichtig aber für mich ist auch, dass ich professionellen Abstand einhalte.

Wäre die Bezeichnung „Teamarbeit“ zwischen Frau und Geburtshelferin recht passend?

Absolut. Eine junge Mutter bringt ihre Verantwortung, ihre Liebe mit ein und ich als sozusagen geschulte Kraft die Erfahrung. In diesem Sinne sind wir schon ein Team.

Hat sich denn auch die Rolle der Männer verändert?

(lacht) Das stärkere Sicherheitsbedürfnis sieht man bei Männern oft noch mehr als bei den Frauen, vielleicht, weil sie immer aktiver werden, in der Vaterrolle. Vielfach ist die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau selbstverständlicher geworden. Aber: Der eine oder andere Mann könnte doch noch mehr Vertrauen in die weibliche Kraft haben.

Stichwort persönliche Veränderung: Von der studierten Biologin zur Hebamme – so weit ist der Weg eigentlich nicht. Warum haben Sie mit Anfang 30 doch noch einmal alles Berufliche umgestellt?

Ich habe mir immer gewünscht, eine Arbeit zu haben, die ich liebe, mit der ich mich zu 100 Prozent identifizieren kann. Das hat geklappt.

Das Besondere, das Schöne, an Ihrer Arbeit ist...

Ich sehe mich als eine Art „Prozessbegleitung“ – das ist großartig. Es ist einfach ein besonderes Verhältnis zwischen der Frau und mir. Man erlebt die intimsten Dinge während der Geburt, das allein ist schon etwas sehr Besonderes. Am allerschönsten aber ist es, wenn man sieht, wie bereits ein so kleiner Mensch schon direkt nach der Geburt kommuniziert.

Erinnern Sie sich noch an das schönste Erlebnis, das Sie während der Arbeit als Geburtshelferin hatten?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe meine allererste Hausgeburt tatsächlich ganz kurz vor Weihnachten erlebt. Es muss so um den 22. Dezember herum gewesen sein. Als ich das Haus verließ, schneite es und um mich herum waren die Menschen in absolutem Weihnachts- und Geschenkestress. Ich war einfach nur völlig beeindruckt von der Geburt. Und ich hatte mein schönstes Geschenk da ja auch schon bekommen – ich habe einem Kind auf die Welt geholfen.

Was wäre denn Ihr Wunsch für die Zukunft?

Dass wir irgendwann einmal viele studierte Hebammen haben und so mehr auf Augenhöhe mit den Gynäkologen gearbeitet wird.

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