Ein Marsch gegen Missverständnisse

Mehmet Kazoluk, Serkan Kazoluk, Horst Ambaum und Rainer Kaspers
Mehmet Kazoluk, Serkan Kazoluk, Horst Ambaum und Rainer Kaspers
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Evangelische, katholische und muslimische Gläubige aus dem Duisburger Süden laufen gemeinsam gegen Pegida, islamistischen Terror – und Vorurteile.

Hüttenheim..  Im Gebetsraum der Hüttenheimer Moschee steht eine Gebetsbank der evangelischen Kirche – sichtbares Zeichen des Miteinanders von Christen und Muslimen. Am Samstag gehen sie gemeinsam auf die Straße, um für Toleranz und Verständigung zu werben. WAZ-Redakteurin Monique de Cleur sprach vorab mit Initiatoren des Marsches: Pfarrer Rainer Kaspers von der evangelischen Gemeinde und Serkan Kazoluk von der Moscheegemeinde.

Die Idee zum Spaziergang entstand nach einem Freitagsgebet, das Pfarrer Kaspers besuchte. Gibt es einen Austausch der Religionen regelmäßig?

Pfarrer Rainer Kaspers: Wir werden nach dem Ramadan zum Fastenbrechen eingeladen, wir waren zur Grundsteinlegung der Moschee da; die Kinder der muslimischen Gemeinde sind bei uns im Familiengottesdienst, auch die Eltern kommen. Das ist für uns Normalität.

Serkan Kazoluk: Warum sollte das auch nicht so sein wie bisher? Das wäre schlimm. Wir sind hier seit einem halben Jahrhundert. Diese Vielfalt hat uns als Menschen und als Kultur weitergebracht. Ich bin eher Duisburger, als dass ich eine Verbindung zur Türkei hätte. Trotz allem haben wir an der Moschee Hakenkreuze. Das bedrückt uns, denn wir distanzieren uns von allem Radikalen und Extremistischen. Aber es besteht die Angst, dass der Draht, der zwischen uns besteht, angespannt und zerrissen wird, und das wollen wir nicht.


Am Montag erreichen die Pegida-Demos Duisburg. Ist eine solche Kundgebung in Ihrer, einer Ruhrgebietsstadt, besonders schmerzhaft?

Kaspers: Ich bin zuversichtlich, dass Pegida in Duisburg ins Leere läuft. Wir haben muslimische Lehrer, Polizisten; den Friseur, der mir meine Haare schneidet, man geht Türkisch essen, man arbeitet bei HKM zusammen, man begegnet sich täglich.

Kazoluk: Ich fühle mich nicht als Migrant, und dann höre ich, wir wollen keine Ausländer – aber ich bin doch kein Ausländer! Wir, die normalen Bürger, haben aber nie Probleme untereinander. Wir sehen, dass die Mehrheit nicht für Pegida ist.

Kaspers: Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz – das ist nicht Duisburg.

Herr Kaspers sagt, die Situation für Muslime in Duisburg werde „immer bedrückender“. Inwiefern?

Kazoluk: Egal, wo es einen islamistischen Terrorakt gibt, wir Muslime müssen uns rechtfertigen. Nach Paris sagte ein Mann zu mir, mit dem ich mich eigentlich gut verstehe: ,Man müsste in den ganzen Nahen Osten eine Bombe werfen.’ Das trifft mich.

Kaspers: Der Vorsitzende der muslimischen Gemeinde, Mehmet Kurt, hatte nach Paris an einem Tag drei Termine, dreimal wurde er darauf angesprochen und musste sich rechtfertigen.

Kazoluk: Die Menschen wissen sich nicht zu helfen. Wir haben doch damit gar nichts zu tun! Wenn jemand Fragen hat zum Koran, zum Glauben: Die Menschen können uns doch fragen. Wenn sie dann immer noch Kritik haben – in Ordnung. Aber sie sollen keine Vorurteile hegen. Wir müssen sehen, was der Islam erzählt – nicht, was andere über den Islam erzählen.

Ihre Hoffnung für Samstag?

Kaspers: Wenn wir mehr Leute haben als Pegida am Montag, und das bei uns im Duisburger Süden, dann bin ich sehr zufrieden.

Kazoluk: Wir haben schon gewonnen, weil wir hier auch weiterhin miteinander und nicht gegeneinander stehen. Wir hoffen, dass auf Dauer diese Aktionen von Pegida erlöschen und nie wieder auftreten.

Der Spaziergang für Toleranz und Verständigung führt heute um 15 Uhr von der Hüttenheimer Moschee, An der Batterie 18, zur ev. Auferstehungskirche, Sandmüllersweg 33.