Ein Kirchenraum in Hochofen-Orange

Pfarrerin Anke Bender kennt ihre Kirche seit 1994.
Pfarrerin Anke Bender kennt ihre Kirche seit 1994.
Foto: WAZ FotoPool
Die Versöhnungskirche wird 50 Jahre alt. Dass Großenbaum 1965 einer der größten Stahlstandorte im Ruhrgebiet war, wird in ihrem Inneren sichtbar.

Großenbaum/Rahm..  Baujahr: 1965. Kosten: 1,7 Millionen D-Mark. Stil: Bauhaus. So könnte ein Steckbrief der Versöhnungskirche lauten, doch würde er nur am Flachdach kratzen. Wer tiefer blickt, wird belohnt: Mit Geschichten über Menschen, über Architektur und Industrie. Seinen 50. Geburtstag feiert das Gotteshaus in diesem Jahr. Grund genug, die Betontür mit den darin eingelassenen Stahlnägeln zu öffnen und einzutreten.

Warmes, orangefarbenes Licht heißt den Besucher im Innenraum willkommen. Dafür sorgen Buntglasbausteine: Von Weiß über Gelb und Orange bis Rot reicht ihr Farbspektrum. Zusammen erzeugen sie ein Licht, das im Ruhrgebiet abends häufig den Himmel erleuchtet: ein sattes Hochofen-Orange. Kein Zufall: Als die Kirche errichtet wurde, war Großenbaum einer der größten Stahlstandorte im Ruhrgebiet. Auch der Stahl selbst bringt das Flair der Industrie in den Ort der Religion: zum Beispiel in Form des schlichten, schwarzen Kreuzes. Dazu die Form als Quader: Die Kirche mutet an wie eine jener Industriehallen, in denen die Menschen zur Zeit ihres Baus ihr Brot verdienten. Es ist das Werk von Dieter Oesterlen, eines namhaften deutschen Kirchbauarchitekten der Nachkriegszeit. Selbst die heutige Pfarrerin Anke Bender staunte, als sie ihre Kirche 1994 zum ersten Mal sah: „Am Anfang habe ich das von außen gar nicht richtig als Kirche erkannt. Jetzt finde ich das wunderschön.“

Die schlichte Form bietet Raum für 550 Menschen und viele Gedanken, die das Thema Versöhnung in den Mittelpunkt stellen. Ihr Name fasst in ein Wort, was die Versöhnungskirche zum Programm erhoben hat: Mauern zwischen Menschen zu überwinden. Dafür steht eine Verlängerungsmauer an Süd- und Westseite, die an die Berliner Mauer erinnert. Dafür stehen die Inschriften an den vier Glocken: Sie tragen Bibelzitate zur Versöhnung. So läuten sie den Gedanken der Versöhnung jeden Sonntag in die Ohren der Menschen. Dafür steht die Friedenstaube, die jetzt, zur Trinitatiszeit, die Kanzel ziert. Dafür stand zu allererst Gründungspfarrer Gustav Adolf Vetter ein.

Selbst aus Posen stammend, betrachtete er die vielen Flüchtlinge, die auch nach Großenbaum zogen, mit anderen Augen. Schon damals glaubte er an den Gedanken des miteinander Lebens und miteinander Versöhnens. Ein Thema, das der 1961 entstandenen Gemeinde Großenbaum und Rahm mitten im Kalten Krieg ihre Versöhnungskirche bescherte. Und das fast zu Weihnachten: Eingeweiht wurde sie am ersten Advent 1965.